Änderung der Rechtsprechung des BGH in Steuerstrafsachen (1 StR 454/17 + 1 StR 92/19)

Bei fehlender eigener Erklärungspflicht des Beihelfers zwingende Strafmilderung (1 StR 454/17 + 1 StR 92/19)

Durchaus beachtenswerte und praxisrelevante Entscheidungen des ersten Strafsenates des BGH in Steuerstrafsache.

In den Entscheidungen 1 StR 454/17 + 1 StR 92/19 ändert der BGH seine Rechtsprechung:

Gemäß § 28 Abs. 1 StGB ist die Strafe nach § 49 Abs. 1 StGB zu mil- dern, wenn bei dem Teilnehmer besondere persönliche Merkmale fehlen, wel- che die Strafbarkeit des Täters begründen. Die sich auf die Tatbestandsvoraus- setzungen der Pflichtwidrigkeit nach § 370 Abs. 1 Nr. 2 AO gründende steuer- liche Erklärungspflicht ist nach der geänderten Rechtsprechung des Senats, die das Landgericht bei seiner Entscheidung noch nicht kennen konnte, ein straf- barkeitsbegründendes besonderes persönliches Merkmal nach § 28 Abs. 1 StGB (BGH, Urteil vom 23. Oktober 2018 – 1 StR 454/17). Bei einem Gehilfen, der im Zeitpunkt der Gehilfenhandlung nicht selbst zur Aufklärung der Finanz- behörde verpflichtet ist, ist daher eine Strafrahmenverschiebung nach § 28 Abs. 1, § 49 Abs. 1 StGB neben der Milderung nach § 27 Abs. 2, § 49 Abs. 1 StGB vorzunehmen, es sei denn, das Tatgericht hätte allein wegen Fehlens der Erklärungspflicht Beihilfe statt Täterschaft angenommen (vgl. BGH, Urteil vom 23. Oktober 2018 – 1 StR 454/17 und Beschluss vom 13. März 2019 – 1 StR 50/19, jeweils mwN).

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Rotzige Frechheit

Arbeitsverweigernde Richter

Insbesondere Amtsrichter neigen dazu, ihre berufsbegleitende Faulheit zu dokumentieren, indem sie sich mit Begründungen von Anträgen nicht auseinandersetzen, jedenfalls ihre möglicherweise stattgefundene Auseinandersetzung nicht in eine nachvollziehbare Begründung einfließen lassen.

Gerade habe ich wieder solch ein Paradebeispiel beim Amtsgericht Braunschweig: Ich begründe einen Beiordnungsantrag u.a. mit dem Rechtsproblem der Abgrenzung von Vorbereitungshandlung und Versuch, das von einem juristischen Laien nun beim besten Willen nicht durchdrungen werden kann.

Und, was rotzt das Amtsgericht als Begründung für die Ablehnung raus?:

Die Voraussetzungen des § 140 II StPO liegen nicht vor. Weder die Schwere der Tat noch die Schwierigkeit der Sach- und Rechtslage lassen die Mitwirkung eines Verteidigers geboten erscheinen.

Nicht nur bei mir kommt dieser Text als nach Faulheit stinkende Frechheit an.

Eine solche Formulierung lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass § 34 StPO schlicht ignoriert wird und zwingt dazu, mit der Beschwerde zu beantragen, den die Beiordnung ablehnenden Beschluss aufzuheben und die Sache zurückzuverweisen.

Der Beschluss ist nicht begründet, es liegt lediglich eine nichtssagende Pseudobegründung vor. Ihrem Inhalt nach müssen nämlich die Gründe eines Beschlusses den Standpunkt des Gerichts so weit erkennen lassen, dass der Beteiligte in der Lage ist, sein weiteres Verhalten danach einzurichten, und dass das Rechtsmittelgericht nachprüfen kann, ob der Tatrichter von zutreffenden verfahrensrechtlichen Erwägungen ausgegangen ist (BGH NStZ 2018, 487; BGHSt 1, 177; OLG Düsseldorf StV 2012, 10). Bloße Wiedergabe des Gesetzeswortlauts (BGH NStZ 2000, 267; OLG Düsseldorf StV 2012, 10; LG Berlin StV 2002, 67), Eintragung von Blattzahlen, Klammern oder Kreuzzeichen in ein Formular (LG Siegen NStZ-RR 2011, 316), oder formelhafte und allgemeine Wendungen (BGH NStZ-RR 2009, 142; OLG Karlsruhe NStZ-RR 2011, 325; OLG Schleswig SchlHA 1956, 122; vgl. auch BGHZ 39, 333 (337) = NJW 1963, 2272; Ulsenheimer NJW 1980, 2273 (2277); Karlsruher Kommentar StPO, 8. Auflage 2019, § 34 Rdn. 5) genügen nicht, vielmehr dokumentiert eine solche Vorgehensweise nur, dass das Gericht seine Aufgaben nicht ernst nimmt, die Erfüllung seiner Aufgaben nach § 34 StPO verweigert genauso wie die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Begründung eines Antrages.

Außerhalb der Hauptverhandlung ergangene Entscheidungen sind bei fehlender Begründung aufzuheben; die Sache ist zurückzuverweisen, da andernfalls dem Beteiligten eine Instanz verloren ginge (OLG Oldenburg NJW 1971, 1098 (1099); vgl. OLG Köln JMBlNW 1960, 44; Karlsruher Kommentar StPO, 8. Auflage 2019, § 34 Rdn. 11).

Gern copy and paste zum Aufwecken fauler Richter.

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Man kann es auch übertreiben

Wenn das Amtsgericht zur Festung wird

Angeklagt: eine gemeinschaftliche, also „gefährliche“ Körperverletzung, 2 Angeklagte, Strafrichtersache. So wenig, so gut.

Da es sich angeblich um eine Auseinandersetzung im „Rockermilieu“ gehandelt haben soll, wird richtig aufgefahren:

Mandant wird aus der JVA mit drei blaubelichteten Fahrzeugen in Kolonne vorgefahren, bewacht (beschützt?) von vier martialisch ausgestatteten schwarz verkleideten und vermummten Einzelkämpfertypen, Hubschrauber kreisen über der Stadt (Zufall?).

Strafrichtersache!

Der Eingang ins Gericht und auf dem Weg zum Saal: wieder schwarz Verkleidete und Vermummte, bis an die Zähne bewaffnet; man fühlt sich sicher und gut aufgehoben, diese Ansammlung körperlicher Kompetenz könnte sicher einen Atombombenangriff abwehren.

Strafrichtersache!

Dann im Saal, wieder mindestens 4, 5 oder mehr von den Fleischbergen, schwarz bezogen, Gesicht vermummt, mindestens einer mit einer Maschinenpistole vor der Brust. Die meisten O-beinig, einer x-beinig (sieht albern aus in so einer vollen Montur).

Strafrichtersache!

Obwohl alle Zuschauer akribisch im Eingangsbereich durchsucht worden waren, sitzt einer von diesen dunklen Gestalten mit seiner Maschinenpistole mir im Saal genau gegenüber. Er überwacht also nicht den Saal von außen, wo möglicherweise unkontrollierte Angreifer in den Saal stürmen könnten, sondern er sitzt im Saal den Mitverteidigern, den Angeklagten und mir gegenüber.

Der Plan vermutlich: Wenn einer der durchsuchten Zuschauer aufspringt, kann er mit einer Salve aus seiner Maschienenpistole alles platt machen, was im Saal sitzt, er wird jedenfalls überleben. Guter Plan!

Strafrichtersache!

Meine Frage an die Strafrichterin nach der Sicherheitsverfügung, die weder bis dahin bekannt gemacht worden war noch irgendwo auslag, fördert dann zu Tage, dass eine „Personenschutzgruppe PSRD“ aus der JVA von ihr zur Gewährung der Sicherheit im Sitzungssaal eingesetzt worden war.

Ich bin beeindruckt.

Strafrichtersache!

Neben dem Kollegen Tobias Reulecke, mit dem immer wieder angenehm zu verteidigen ist, noch ein weiterer möglicherweise eher zivilrechtlich ausgerichteter Verteidiger, der – nun, sagen wir zurückhaltend – einiges zu sagen hatte, was vielleicht nicht alles hätte gesagt werden müssen (boah, Kurve gerade so bekommen).

Nach der Anklageverlesung dann die Erörterung, dass wegen einer angeblichen Verletzung des Opfers ein Sachverständigengutachten einzuholen sein wird, was ich letztlich auch ausdrücklich beantrage mit der Behauptung, dass der Sachverständige feststellen wird, dass die (fotografierte) Wunde nicht vom Tattag stammen kann, und mit dem Hinweis, dass dieses Gutachten bereits seit Wochen hätte eingeholt werden müssen.

Dann parallel Unterbrechungs- und Aussetzungsanträge.

Und nun die StPO-Lehrstunde.

Vorsitzende kennt § 238 II StPO nicht, weiß jedenfalls erkennbar nicht, dass der auch beim Strafrichter gilt.

Einschub für die Nichtstrafrechtler § 238 II StPO:

Wird eine auf die Sachleitung bezügliche Anordnung des Vorsitzenden von einer bei der Verhandlung beteiligten Person als unzulässig beanstandet, so entscheidet das Gericht.

Dann wird die Strafrichterin nach der Begründung für ihre Beschlüsse (Ablehnung von Unterbrechung und Aussetzung) gefragt. Antwort: Nö! Gibt es morgen. Ergebnis: Sie kennt § 34 StPO nicht, muss ich ihr vorsorglich vorlesen.

Einschub für die Nichtstrafrechtler § 34 StPO:

Die durch ein Rechtsmittel anfechtbaren Entscheidungen sowie die, durch welche ein Antrag abgelehnt wird, sind mit Gründen zu versehen.

Das versteht sie jetzt und begründet die Nichtunterbrechung und Nichtaussetzung nicht etwa, indem sie sich mit dem vorgebrachten Argument auseinandersetzt, dass der zu beauftragende Sachverständige bei der Befragung des angeblichen Opfers zugegen sein sollte (§ 80 StPO kannte sie wohl auch nicht), sondern damit, dass mein Mandant jetzt über 5 Monate in Untersuchungshaft sitzt und demnächst die Haftprüfung durch das OLG anstehe.

Einschub für Nichtstrafrechtler § 80 StPO:

(1) Dem Sachverständigen kann auf sein Verlangen zur Vorbereitung des Gutachtens durch Vernehmung von Zeugen oder des Beschuldigten weitere Aufklärung verschafft werden.

2) Zu demselben Zweck kann ihm gestattet werden, die Akten einzusehen, der Vernehmung von Zeugen oder des Beschuldigten beizuwohnen und an sie unmittelbar Fragen zu stellen.

Nun bitte ich um eine Unterbrechung von 30 Minuten, um aus dem Grunde, dass sie verweigert hat, sich mit den vorgebrachten Argumenten auseinanderzusetzen, für meinen Angeklagten einen Befangenheitsantrag formulieren zu können.

Nach 30 Minuten erscheint sie wieder und bevor ich das erste Wort des Befangenheitsantrages verlesen kann: Beschlossen und verkündet: das Verfahren wird ausgesetzt!

Mehr als zwei Stunden Theater, weil weder die Staatsanwaltschaft noch das Gericht vorab ein sich spätestens seit der Wochen zurückliegenden Begründung einer Haftbeschwerde aufdrängendes Gutachten in Auftrag gegeben hatten.

Was bleibt, ist die Hoffnung, dass nun beim nächsten Anlauf die Fortbildung in Grundregeln der StPO nicht mehr notwendig sein wird.

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Stimmungsmache aus dem Ministerium zur EU-Richtlinie 2016/1919

Gewaltenteilung für Dummköpfe

Mehrfach habe nicht nur ich darauf hingewiesen, dass seit dem 25.05.2019 die Nichtumsetzung der PKH-Richtlinie EU 2016/1919 direkt auf die Frage der Beiordnung eines Pflichtverteidigers schon vor der ersten Vernehmung eines Beschuldigten durch die Kriminalpolizei oder die Staatsanwaltschaft Einfluss hat, jedenfalls dann, wenn es sich bei dem vorgeworfenen Delikt um ein solches handelt, bei dem erkennbar ist, dass später ein Pflichtverteidiger beizuordnen wäre.

Das gilt auch für andere Fälle der zwingenden Beiordnung, die ich hier nicht näher erörtere.

Ich vertrete die Auffassung, dass die Nichtumsetzung (die Deutschland 50 Millionen € gekostet hat) der Richtlinie dazu führt, dass diese seit dem 26.05.2019 direkt anzuwenden ist, nach anderer Auffassung ist die Richtlinie bis zu ihrer Umsetzung jedenfalls bei der Auslegung des bestehenden nationalen Rechtes zu berücksichtigen.

Und nun kommt in offenbar bewusster Außerachtlassung des Prinzips der Gewaltenteilung das Niedersächsische Justizministerium, vertreten durch einen Herrn Dr. Damm, wohl aus dem Referat 404 für Strafprozessrecht und Organisierte Kriminalität, auf die Idee, Stimmung gegen die Umsetzung bzw. Anwendung der Richtlinie zu machen.

Mit einem Schreiben vom 07.06.2019 u.a. an die Präsidenten der niedersächsischen Oberlandesgerichte palavert Herr Dr. Damm zunächst darüber, dass die in der nicht umgesetzten Richtlinie enthaltenen Bestimmungen den nationalen Gesetzgebern sämtliche Umsetzungsspielräume eröffnen und daher angeblich einer unmittelbaren Anwendbarkeit nicht zugänglich seien.

Vor dem Hintergrund der mit Ablauf der Umsetzungsfrist eingetretenen unmittelbaren Anwendbarkeit der keiner weiteren Umsetzung mehr bedürfenden Teile der Richtlinie hat eine hiesige Prüfung ergeben, dass die darin enthaltenen Bestimmungen dem nationalen Gesetzgeber sämtlich Umsetzungsspielräume eröffnen und daher einer unmittelbaren Anwendbarkeit nicht zugänglich sind.

Diesem Schreiben gibt das Ministerium einen äußeren Anschein, als sei es ein förmlicher Erlass, in einem Anschreiben wird dieses Schreiben sogar ausdrücklich als „Erlass“ bezeichnet:

Sehr geehrter Herr Rechtsanwalt Siebers,
anliegend übersende ich den von Ihnen in Bezug genommenen Erlass.

Mit freundlichen Grüßen Im Auftrag
Dr. Damm

Das trifft auf völliges Unverständnis, es sei denn, das für unabhängige Gerichte insoweit unzuständige Ministerium will nichts weiter, als Stimmung machen, um die direkte Anwendung der nicht umgesetzten Richtlinie zu verhindern.

 

Leicht zurückrudernd wird dann in dem Pseudoerlass auch das Backen kleiner Brötchen in Angriff genommen:

Ich weise jedoch darauf hin, dass diese Frage von den einzelnen Landesjustizverwal- tungen durchaus unterschiedlich beurteilt wird. Eine einheitliche Position konnte des- halb nicht erzielt werden, was zuletzt bei einer Besprechung im BMJV am 5. Juni 2019 deutlich geworden ist.

Ganz kleinlaut wird es dann zum Schluss:

Letztlich bleibt eine verbindliche Entscheidung über Notwendigkeit und Reichweite einzelner Bestimmungen der Richtlinie jedoch ohnehin den unabhängigen Gerichten vorbehalten. Aus diesem Grund beschränke ich mich auf vorstehende Hinweise und werde einer gegenteiligen Bewertung auch nicht entgegentreten.

Der geneigte Leser darf sich fragen, was die Versendung eines solchen Pseudoerlasses soll, wenn der Verfasser und das Ministerium ganz genau wissen, dass die unabhängigen Gerichte an solche Geschwurbel nicht gebunden sind. Spielt das Ministerium vielleicht damit, dass Richter sich bei solchen „Erlassen“ eh nur den Anfang lesen und dann darauf reinfallen nach dem Motto:

 

Wenn das Ministerium sagt, nicht anwendbar, dann ist es nicht anwendbar!?

Überaus schal, der Beigeschmack!

Resümee: Unbehelflicher Quatsch für die Tonne, nicht lesenswert und noch weniger verbindlich.

Nachtrag: Anbei der Gesetzentwurf, Stand des Verfahrens 05.06.2019

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Nichtbeschlossene Nichtöffentlichkeit

Nichtausschluss der Öffentlichkeit ohne Folgen

Mit einer komplizierten Konstellation bezüglich der Frage der Folgen des Nichtausschlusses der Öffentlichkeit, obwohl der Ausschluss zwingend vorgeschrieben war, hatte sich der Bundesgerichtshof in seiner Entscheidung 4 StR 605/18 vom 09.05.2019 zu beschäftigen.

Nach dem Schluss der Beweisaufnahme in einem Verfahren wegen des Vorwurfes der Vergewaltigung erfolgten die Schlussvorträge der Verfahrensbeteiligten einschließlich des letzten Wortes des Angeklagten in nicht öffentlicher Sitzung, ohne dass zuvor ein nach § 171 Abs. 3 Satz 2 GVG zwingender Beschluss der Strafkammer über den Ausschluss der Öffentlichkeit während der Schlussvorträge gefasst worden war. Dieser Beschluss war schlicht vergessen worden.

Der BGH argumentiert nachvollziehbar:

Indem das Landgericht es versäumt hat, den nach § 171b Abs. 3 Satz 2 GVG gesetzlich vorgeschriebenen Ausschluss der Öffentlichkeit während der Schlussvorträge durch einen Gerichtsbeschluss anzuordnen, hat es zwar die Verfahrensbestimmung des § 174 Abs. 1 Satz 2 GVG verletzt. Dieser Verfahrensverstoß unterfällt aber nicht der Vorschrift des § 338 Nr. 6 StPO und vermag auch nach § 337 StPO die Revision nicht zu begründen.

Die Verletzung des § 174 Abs. 1 Satz 2 GVG vermag auch nach § 337 StPO die Revision nicht zu begründen, weil das Urteil auf dem Verfahrensverstoß nicht beruht. Angesichts der dargestellten gesetzlichen Ausgestaltung des Ausschließungsgrundes des § 171b Abs. 3 Satz 2 GVG ist auszuschließen, dass eine Beschlussfassung der Strafkammer zu einem abweichenden Verfahrensablauf geführt hätte.

Es ist nachvollziehbar, dass das Urteil nicht auf dem fehlenden Beschluss über den Ausschluss der Öffentlichkeit beruhen kann, wenn die Öffentlichkeit tatsächlich auch ohne Beschluss ausgeschlossen war.

LG Halle 012

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Die ausgesetzte Hauptverhandlung und die Mitteilungspflicht (BGH 1 StR 153/19)

Nichts unter den Tisch fallen lassen

Es vergeht kaum eine Woche, ohne dass die Revisionsgerichte, insbesondere die Strafsenate des Bundesgerichtshofes (BGH) ausführliche Hinweise geben zu den Mitteilungspflichten der Instanzgerichte bezüglich Verständigungsgesprächen und Verständigungen (§ 275c StPO).

Eine besondere Konstellation lag der Entscheidung 1 StR 153/19 vom 24.04.2019 zugrunde. Es ging hier um eine ausgesetzte Hauptverhandlung und die Frage, was beim Neuanfang nach Aussetzung wieder mitgeteilt werden muss.

Der BGH kommt zu dem – nachvollziehbaren – Ergebnis, dass die Mitteilungspflicht bezüglich Verständigungsgesprächen bzw. einer erfolgten Verständigung auch nach der Aussetzung der Hauptverhandlung in einer erneut begonnenen Hauptverhandlung fortgilt. Weiter wird ausgeführt, dass das Gericht den Angeklagten qualifiziert darüber zu belehren hat, dass die Bindungswirkung der ursprünglichen Verständigung entfallen ist und sein vormaliges Geständnis nicht verwertet werden darf.

Auszugsweise lautet die Entscheidung:

Die Revision rügt, dass das Landgericht in der Hauptverhandlung nicht gemäß § 243 Abs. 4 Satz 1 StPO darauf hingewiesen habe, dass eine Verständigung in der ausgesetzten Hauptverhandlung erfolgt sei und zudem, dass der Angeklagte in Anschluss daran nicht qualifiziert darüber belehrt worden sei, dass die bisherige Verständigung aus dem ersten Verfahrensanlauf keine „Gültigkeit mehr habe“ und der Angeklagte hieran „nicht mehr gebunden“ sei.

II.

81. Die Rüge hat – entsprechend dem Antrag des Generalbundesanwalts – bereits mit der Angriffsrichtung, dass die Mitteilungspflicht nach § 243 Abs. 4 Satz 1 StPO verletzt sei, Erfolg.

9a) Nach dieser Vorschrift hat der Vorsitzende nach Verlesung des Anklagesatzes und vor Belehrung und Vernehmung des Angeklagten mitzuteilen, ob Erörterungen nach den §§ 202a, 212 StPO stattgefunden haben, wenn deren Gegenstand die Möglichkeit einer Verständigung (§ 257c StPO) gewesen ist und wenn ja, deren wesentlichen Inhalt. Die Mitteilungspflicht aus § 243 Abs. 4 Satz 1 StPO greift bei sämtlichen Vorgesprächen ein, die auf eine Verständigung abzielen (vgl. nur BGH, Urteil vom 13. Februar 2014 – 1 StR 423/13 Rn. 8 mwN).

10b) Demzufolge musste der Vorsitzende vorliegend auch die Verständigungsgespräche, den Inhalt der tatsächlich erfolgten Verständigung sowie den Umstand und gegebenenfalls den Grund mitteilen, dass und warum die Verständigung im ausgesetzten Verfahren nicht zum Tragen gekommen ist. Dass die ursprüngliche Verständigung im ausgesetzten Verfahren ordnungsgemäß im Rahmen der Hauptverhandlung mitgeteilt und protokolliert wurde, genügt zur Erfüllung der Mitteilungspflicht nicht, denn die Hauptverhandlung im Sinne von § 243 Abs. 4 StPO ist diejenige, die zum Urteil geführt hat. Außerdem besteht nicht nur für den Angeklagten, sondern auch für die Schöffen und die Öffentlichkeit im Fall einer erneut begonnenen Hauptverhandlung ein berechtigtes Interesse, über stattgefundene Verständigungsgespräche bzw. über eine tatsächlich erfolgte Verständigung informiert zu werden (vgl. BGH aaO Rn. 11).

11c) Bei Verstößen gegen die Mitteilungspflicht aus § 243 Abs. 4 StPO ist regelmäßig davon auszugehen, dass das Urteil auf diesem Verstoß beruht; ein Ausnahmefall, bei dem Abweichendes vertretbar ist (vgl. nur BGH aaO Rn. 13 mwN), liegt nicht vor.

12Es hätte daher der Darlegung der ursprünglichen Verständigungsgespräche und deren Ergebnis in öffentlicher Hauptverhandlung schon deshalb bedurft, um alle Verfahrensbeteiligten darüber in Kenntnis zu setzen, wie die prozessuale Lage nach ausgesetzter Hauptverhandlung, in der eine Verfahrensverständigung erfolgt ist, zu beurteilen ist. Insbesondere ist der Angeklagte von Seiten des Gerichts darüber aufzuklären und zu belehren, dass die Bindungswirkung der ursprünglichen Verfahrensverständigung entfallen ist und sein vormaliges Geständnis nicht verwertet werden darf. Die in der ausgesetzten Hauptverhandlung gemäß § 257c Abs. 5 StPO erfolgte Belehrung genügt hierfür nicht, zumal sie die vorliegende Fallgestaltung nicht erfasst. Es ist jedenfalls nicht auszuschließen, dass der Angeklagte im Falle der Mitteilung des Inhalts der vorausgegangenen Verständigungsgespräche und der sich hieraus ergebenden prozessualen Folgen, über die er vom Gericht hinzuweisen war, sein Aussageverhalten hierauf eingestellt hätte. Dass der Sitzungsvertreter der Staatsanwaltschaft den Angeklagten bereits vor der Verfahrensaussetzung „nachdrücklich“ darauf hingewiesen hat, dass die Verständigung im Aussetzungsfall entfallen würde, reicht allein für eine Aufklärung über die prozessuale Sachlage nicht aus; es wäre in der Verantwortung des Gerichts gewesen, den Angeklagten hierüber in Kenntnis zu setzen und entsprechend zu belehren.

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Ingo Lenßen – Prediger harter Strafen

Volksverdummung

Warnung: Beschuldigte, Angeschuldigte und Angeklagte sollten keinen Verteidiger beauftragen, der allgemein härtere Strafen fordert und sich über Fälle äußert, die er gar nicht oder nur aus der Zeitung kennt.

Eine solch putzige Erscheinung ist der Rechtsanwalt Ingo Lenßen, der es geschafft hat, dass andere ihn als „Deutschlands bekanntesten Strafverteidiger“ bezeichnen, möglicherweise Ausfluss egozentrischer und narzistischer Selbstüberschätzung.

„Lustig“, dass Herr Lenßen sich vor einigen Jahren nicht zu schade war, über eine grottenschlechte Fernsehserie den Zuschauer zu verdummen und ihn glauben zu lassen, dass Strafverteidiger Wohnungen verwanzen dürfen, eigene Mandanten anscheißen dürfen und was weiß ich sonst noch für einen Unsinn.

Der Kollege Mirko Laudon hat sich in einem lesenswerten Blogartikel treffend mit dieser schillernden Figur im deutschen Fernsehwald auseinandergesetzt. Käme jemand auf die Idee, Herrn Lenßen als den schlechtesten Strafverteidiger zu bezeichnen, wird es möglicherweise bei dem einen oder anderen keinen massiven Widerstand geben.

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