Kurzer Prozess

09.59 Uhr, AG Woauchimmer, sonniges Wetter, die Frisur sitzt, mir bis dahin unbekannter Richter schreitet stampfend und grußlos an 5 Zeugen, meinem Mandanten und und mir vorbei in seinen Gerichtssaal und knallt die Tür hinter sich zu. Sekunden später, 10.00 Uhr, weiterhin sonnig, Frisur unangegriffen, Aufruf zur Sache, ich öffne die Tür und biete den unerwiderten Morgengruß dar. Ich frage, meine zeltgroße Robe sichtbar über dem Arm, wo ich mich setzen darf. Frage von Richter Griesgram: Wer sind Sie? Fröhlich lächelnd teile ich ihm meine Verteidigereigenschaft mit und erhalte mit barscher Geste meinen Platz zugewiesen. Die fünf Zeugen werden bedrohlich belehrt und aus dem Saal gewiesen. Ich verzichte wohlwollend auf die Verlesung des Bußgeldbescheides und gebe kund, dass mein Mandant sein gutes Recht auf Schweigsamkeit in Anspruch zu nehmen gedenkt, gleichzeitig erbitte ich das Wort für eine Anregung und Anträge, was mir murrend gewährt wird. 10.03 bis 10.06 Uhr verlese ich die Anregung, den einzigen Belastungszeugen, Herrn Polizeikommissar – nennen wir ihn „Gyros“ – wegen des Verdachtes der falschen Verdächtigung nach §55 StPO zu belehren und beantrage, dessen bisher nicht geladenen Kollegen als Zeugen zu hören, weil der bestätigen wird, dass der „Grieche“ übertrieben und gelogen hat; diesen Antrag verbinde ich mit der Bitte, diese Ladung sofort so zu veranlassen, dass eine Absprache zwischen den Polizeibeamten ausgeschlossen ist. Ich schließe meine Ausführungen mit dem großzügigen Angebot meines Mandaten, unter Zurückstellung größter Bedenken einer Einstellung zuzustimmen und die Sache mit dem „Griechen“ auf sich beruhen zu lassen. 10.07 Uhr, die Sonne scheint, das Verfahren ist eingestellt. 10.08 Uhr, der gyrotische Zeuge beklagt sich lauthals über das ungerechte Ergebnis beim Richter, so dass sich nun auf Wunsch meines Mandanten die Dienstaufsicht des Polizeibeamten mit dessen öffentlicher unflätiger Einstellungsschelte in Uniform beschäftigen wird, zumal der aus Bequemlichkeit während seiner Anwesenheit im Gericht auch noch seinen Streifenwagen mitten auf dem Fußweg geparkt hat, obwohl er 50 Meter weiter einen regulären Parkplatz hätte haben können. Die Dienstaufsicht wird auch das richten. 10.10 Uhr, die Sonne scheint, ich sitze im Auto und entschwinde am glücklich winkenden Mandanten vorbei in Richtung Süden. Dach auf, Frisur egal.

Über rawsiebers

Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht, bundesweit tätig, TOP-RECHTSANWALT Deutschland 2014, 2015, 2016, 2017, 2018, 2019, 2020: STRAFRECHT (Focus-Spezial von 2014, 2015, 2016, 2017, 2018, 2019, 2020)
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