Empathiebefreite und verantwortungslose Machtdemonstration

Ich berichtete hier bereits über die Gedanken eines OLG-Senatsvorsitzenden, der sich weiter outet als eine Person, bei der sich die schwierige Frage stellt, ob beim ihm lediglich eine produktive Form des Narzissmus (etwa visionäres Handeln) oder eine destruktive Form (beispielsweise Größenwahn) vorliegt.

Ich werde weiter berichten, und jeder Leser möge bei der Beantwortung zu einem eigenen Ergebnis kommen. Informationen aus seinem Kollegenkreis vor Ort lassen vermuten, dass man sich dort schon entschieden hat.

Sein Telefonmitnahmeverbot – weil das eine oder andere Handy im Verhandlungssaal vielleicht einmal klingeln könnte – wird für ihn zu einer ungesunden, verachtenden und empathiefreien Machtdemonstration ungeahnten Ausmaßes.

Ich habe den Vorsitzenden um eine Ausnahme gebeten, weil mir die Stadt Halle mitgeteilt hat, dass bei mir nunmehr die Corona-Impfung ansteht, und dass das Impfzentrum wegen des Termins anrufen werde.

Genau das (im vollständigen Wortlaut mit Namen der Sachbearbeiterin und Durchwahl) habe ich dem Vorsitzenden mitgeteilt und darum gebeten, mir zumindest zu gestatten, mein Handy bei abgeschaltetem Klingelton mitnehmen zu dürfen, um bei einem eingehenden Anruf von dem Impfzentrum reagieren zu können und – wir verteidigen zu zweit – kurz den Saal verlassen zu können, um zurückzurufen, weil ich befürchte, dass mein Impftermin, wenn ich auf den Anruf nicht reagiere und nicht zeitnah zurückrufe, anderweitig vergeben wird. Die Bitte war verbunden mit der ausdrücklichen Zusage, nach dem Eingang eines solchen Anrufes das Handy nicht mehr mitzunehmen.

Es hätte also nicht geklingelt in „seinem“ KrönungsVerhandlungssaal, ich hätte nicht telefoniert, ich hätte lediglich für ein Telefonat den Saal verlassen, ohne dass die Verhandlung hätte unterbrochen werden müssen, so, wenn jemand beispielsweise kurz hinausgeht, um auszutreten oder ob der Umstände zu kotzen.

Das Erfüllen dieses wohl nachvollziehbaren Wunsches hätte offenbar für den Vorsitzenden eine solche Schmach, ein solches Weichwerden, einen solchen Kontrollverlust und damit ein solches Ankratzen seines selbstherrlichen Autoritätsmonumentes bedeutet, dass er mir mitteilte:

Die Informationen, die Sie mir in diesem Schreiben zukommen lassen, erklären nicht hinreichend, weshalb Sie uneingeschränkt Zugriff auf Ihr Handy haben müssen. Es verbleibt bei meiner Verfügung vom 17. März 2021.

Es kam, wie es kommen musste, schon am ersten Verhandlungstag ging der entsprechende Anruf, wie ich später feststellte, 6 Minuten nach Verhandlungsbeginn ein. Mein dann in der ersten Verhandlungspause versuchter Rückruf ging ins Leere, der Impftermin war weg!

Danke dafür Herr Vorsitzender, ich habe mich im Vorfeld des Verfahrens zurückgehalten, mir ein endgültiges Bild von Ihnen zu machen. Jetzt weiß ich, dass das, was einige Ihrer Kollegen hinter vorgehaltener Hand von Ihnen denken und über Sie erzählen, zu 100% richtig ist.

Eine solche Rücksichtslosigkeit um der eigenen Machtdemonstration willen spricht Bände. Dies insbesondere, weil jeder Geimpfte in einem Verfahren, in dem sich um die 70 Personen im Saal befinden, die Gefahr verringert, dass man sich untereinander ansteckt und dass ggf. das Verfahren ausgesetzt werden muss. Diese Gefahrverringerung im Sinne aller Beteiligten, auch bezüglich des Vorsitzenden selbst, wird blind und verantwortungslos geopfert, um zu zeigen, wer das Sagen hat.

Unfassbar.

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Über rawsiebers

Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht, bundesweit tätig, TOP-RECHTSANWALT Deutschland 2014, 2015, 2016, 2017, 2018, 2019, 2020: STRAFRECHT (Focus-Spezial von 2014, 2015, 2016, 2017, 2018, 2019, 2020)
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