Gedanken eines OLG-Vorsitzenden über Verteidiger

Abgründe tun sich auf, wenn sich möglicherweise ungesund von sich selbst überzuckerte Vorsitzende eines Strafsenates dahingehend outen, was sie von Verteidigern so halten und dabei jegliche Contenance und noch mehr das Gespür für die Grenze zwischen schlechtem Geschmack und Widerlichkeit verlieren.

Ein solches Exemplar durfte ich zeitnah in einer süddeutschen Stadt erleben. Zunächst argumentierte der Herr Vorsitzende wegen eines von ihm erlassenen Handyverbotes damit, dass seine Erfahrung sei, dass ohne solche Verbote in der Hauptverhandlung immer mal wieder Verteidigertelefone klingeln. Den Einwand, dass Verteidiger diese Erfahrung nur noch ganz selten machen, erwiderte er – sich selbst offenbar auch noch ganz humorvoll findend -, das sei ja wohl so wie mit seinen Kindern, die hätten früher auch immer irgendetwas behauptet, das er selbst völlig anders erlebt habe.

Erkennbar wollte er damit sagen, dass Verteidiger genauso lügen, wie einst seine Kinder.

Wer dann dachte, dass das für eine Vorsitzenden eines OLG-Senates schon die erreichbare Untergrenze des Niveaus sein könnte, wurde eines Besseren belehrt. Es wurde angekündigt, dass den Verteidigern in einem Zelt während der vermutlich Jahre andauernden Hauptverhandlung Kaffee-Pad-Maschinen zur Verfügung ständen, wobei dann von dem jeweiligen Verteidiger freiwillig für die Tassen Geld in eine Kasse gelegt werden soll. Man habe schon gewettet, ob die Kasse immer stimmen würde, er würde nichts dazu sagen, worauf er, der Vorsitzende, gewettet habe, würde er nicht offenbaren.

Nach der Unterstellung, dass Verteidiger lügen wie seine eigenen Kinder, kam nun die Offenbarung einer Wette unter OLG-Richtern über die erwartete Unredlichkeit von Verteidigern bei der Kaffeebezahlung. Man fragt sich ernsthaft, ob solche Herrschaften tatsächlich erwarten, dass man ihnen zutraut, moralisch genügend gefestigt zu sein für die Aufgaben, die man ihnen übertragen hat.

Über rawsiebers

Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht, bundesweit tätig, TOP-RECHTSANWALT Deutschland 2014, 2015, 2016, 2017, 2018, 2019, 2020: STRAFRECHT (Focus-Spezial von 2014, 2015, 2016, 2017, 2018, 2019, 2020)
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