Völlig überlastete Staatsanwältin hat mehr als eine Akte

Gemeinsam mit dem Kollegen Tobias Reulecke und weiteren Kollegen hatte ich heute das Vergnügen, in einer Sache zu verteidigen, die sich vor zwei Jahren auf einem Oktoberfest abgespielt haben soll. Angeblich soll es zu Körperverletzungshandlungen zwischen verschiedenen Personen gekommen sein.

Ich habe dann zu Beginn der Hauptverhandlung letztlich erfolgreich ein Beweiserhebungs- und Beweisverwertungsverbot geltend gemacht. Nachdem ich eine diesbezügliche Erklärung verlesen hatte, erhielt die Sitzungsvertreterin der Staatsanwaltschaft Gelegenheit zur Stellungnahme.

Diese, übrigens Sachbearbeiterin und Anklageverfasserin, teilte mit, dass sie darin auch ein Problem sähe, wenn es denn so wäre, wie ich es vorgetragen hätte.

Auf meinen Einwand, dass sich das, was ich vorgetragen habe, doch eindeutig aus der Akte ergäbe, antwortete sie:

„Die Anklage habe ich vor einem Jahr diktiert!“

Meine überraschte Frage, ob ich das ernsthaft so verstehen müsse, dass sie bei einer solchen Sache nicht wenigstens noch einmal die Akte gelesen hätte, antwortete sie erkennbar angeuriniert:

„Ich habe mehr als eine Akte zu bearbeiten.“

Ich war kurz davor, vor Mitleid und Scham im Boden zu versinken, ließ es dann aber, weil mir noch einfiel, was ich gestern, einem Sonntag, gemacht hatte: die Akte gelesen!

Und, ja, ich habe auch hin und wieder mehr als eine Akte zu bearbeiten.

Über rawsiebers

Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht, bundesweit tätig, TOP-RECHTSANWALT Deutschland 2014, 2015, 2016, 2017, 2018, 2019: STRAFRECHT (Focus-Spezial von 2014, 2015, 2016, 2017, 2018, 2019)
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