Nichts gesehen, alles gewusst

Alles aus dem Nichts

Sie wusste ALLES, die Zeugin, die Wichtige, die Allwissende, wer, wann, wo mit wem was wohingetan, gebracht, besessen, gefahren und was weiß ich nicht noch alles getan hat. ALLES!

Sie, die Zeugin, ZweitHauptSachbearbeiterin, Kriminalkommissarin in einer Abteilung Wichtig, kam ins Landgericht als wandelnde Akte.

Alles, was ihre Truppe an Spekulationen, Vermutungen, Schlussfolgerungen und Verschwörungen über Monate so zusammengetragen hatte, fasste sie zusammen unter der Überschrift: Wir haben ermittelt!

Nach dem dritten oder vierten „Wir haben …“ bat ich die Vorsitzende der Strafkammer, die Zeugin darauf aufmerksam zu machen, dass die Zeugin unterscheiden möge, was sie selbst gesehen und ermittelt hat und was ihr nur zugetragen wurde oder aus der Akte bekannt geworden ist.

Solche Hinweise stören Gerichte in der Regel nur, weil man ja gerne für die Schöffen das Ermittlungsergebnis, so wie es schon in der Anklage steht und wie man es gern 1 zu 1 ins Urteil schreiben möchte, am Stück schon einmal auf dem Silbertablett vorgekaut haben möchte.

So auch hier, ca. dreimal hat die Zeugin – wie sich später herausstellte, gelogen – gesagt ICH habe …, dann verfiel sie wieder in: … die Ermittlungen haben ergeben …, … wir haben … usw. und das Gericht hörte sich den auswendig gelernten einseitigen wiedergekäuten Pseudo-Sachverhalt geduldig an. Nur eine halbherzige Nachfrage in einer knappen Stunde: Haben Sie das selbst …., ansonsten urteilsgründevorbereitendes schweigendes Zuhören.

Ich hatte die Wahl zwischen dauerndem Querulieren oder das Abwarten darauf, mit einer Frage die Gesamtaussage zu zerschießen. Die zweite Alternative war zwar mit Restrisiko behaftet, gefiel mir aber besser und klappte wunderbar. Mir gefällt in solchen Situationen dann auch immer das Augenverdrehen und „AchDuScheiße“-auf-der-Stirn bei Staatsanwälten und Richtern, wenn ich die richtige Antwort auf meine Abschlussfrage erhalte.

„Was von all dem, was Sie uns berichtet haben, haben Sie selbst gesehen, gehört, gerochen, geschmeckt oder gefühlt?“

Ihre Antwort war brillant, ehrlich und kurz:

„NICHTS“

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Über rawsiebers

Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht, bundesweit tätig, TOP-RECHTSANWALT Deutschland 2014, 2015 + 2016: STRAFRECHT (Focus-Spezial von 2014, 2015 + 2016)
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4 Antworten zu Nichts gesehen, alles gewusst

  1. Non Nomen schreibt:

    Gut gemacht. Effektiv verteidigt und eine schöne Duftmarke in dieser Kammer hinterlassen.

  2. Anon schreibt:

    hat das irgendwelche folgen für die vermeintlich allwissende?

  3. Holger schreibt:

    Zwei Fragen eines Laien:
    Ist damit die Aussage unverwertbar?
    Wie kann ein Schöffe das, was ihm da in einer halben Stunde vorgekaut würde dann einfach ignorieren, oder geht es nur um die Urteilsgründe, die sich dann nicht mehr auf die ‚Aussage‘ stützen können?

  4. RA Thomas schreibt:

    Leider Alltag. Stutzig muß einen schon machen, wenn ein Beamter wegen Terminschwierigkeiten abgeladen und ein beliebiger anderer geladen wird, der sodann nur in der „Wir“-Form berichtet.

    Für die Wiedergabe der Akte gibt es den Urkundenbeweis oder das Selbstleseverfahren. Ein Beamter, der die Akte auswendig lernt und in der HV vorträgt, ist in der StPO nicht vorgesehen. Trotz der zumeist wenigstens ehrlichen Antwort der Beamten, selbst die Sachbearbeitung gar nicht geführt zu haben, kommen dann häufig trotzige Reaktionen von der Richterbank: „Da muß ich den Zeugen, aber mal in Schutz nehmen…“ (wovor?).

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