Pseudosoziale Prozeßbegleitung

Die armen Opfer

Also Opferzeugen sind ja schon dadurch geschlagen, dass sie zum Opfer geworden sind.

Im Strafprozeß waren sie bisher darüber hinaus dadurch benachteiligt, dass sie ganz durcheinandergebracht wurden dadurch, dass sie im Gerichtssaal gar nicht wussten, wo denn nun ihr Platz ist, mal neben ihrer Nebenklagevertreterin auf der Saalseite der Staatsanwaltschaft, dann wieder im Zeugenstuhl, ein furchtbares Hin-und-Her.

Und jetzt wird es noch schlimmer. Jetzt haben die armen Opfer nicht nur zwei Plätze sondern auch zwei Begleiterinnen, einmal die Nebenklagevertreterin, die manchmal dann auch noch zur Adhäsionsbegleiterin wird, nun aber auch noch die manipulativepsychosoziale Prozeßbegleiterin.

Also jetzt zwei Plätze, zwei Begleiterinnen, wobei die eine Begleieterin auch noch in eine Doppelfunktion rutscht. Wenn das so weitergeht, wird man die Zuschauerplätze demnächst für Zuschauer sperren müssen, damit die ganzen Begleiterinnen noch irgendwie in den Gerichtssaal passen. Vielleicht gibts dann auch noch einen dritten Platz für das Opfer, der Gesetzgeberin wird da sicher noch etwas einfallen.

Aber für Angeklagte sind solche Prozeßbegleiterinnen auch sehr gut, weil die hinter ihnen stehenden sozialpädagogisch ausgerichteten Institutionen gern zu Freisprüchen beitragen, denn die Ansätze und Ziele sind so gestrickt, dass die Opferaussagen nachweisbar so verwässert und manipuliert werden, dass darauf keine Verurteilung mehr gestützt werden kann.

Als Verteidiger finde ich das gut, ich unterstütze diese Frauenvereine.

Hatte gerade so ein Beispiel. Die sozialpädagogisch ausgebildete und prozeßbegleiterisch nachgebildete Opferbegleitdame wurde zunächst als Zeugin vernommen. Ihre Funktion ist ja u.a., einem Opfer einen Strafprozeß zu erklären, diese Dame hat das bestimmt auch gut gelernt und gemacht, dazu gehört natürlich nicht, zu wissen, was man so als Zeugin für Pflichten hat, nämlich gestellte Fragen zu beantworten und nicht darüber zu parlieren, welche Ansätze und welches Konzept eine Mädchen- und Frauenberatung hat.

Sei es so oder so, als Zeugin wurde sie vernommen, weil aus der Akte der Eindruck entstanden war, dass sie quasi der „Erstkontakt“ zum Opfer war, das stellte sich dann aber nach langem Palaver als falsch heraus, eine ihrer ebenfalls sozialpädogisch prozeßbegleiterisch und trösterisch ausgebildete Kolleginnen sei der Erstkontakt gewesen.

Diese Kollegin habe dann dem „Team“, vermutlich eine Zusammenkunft sozialpädagogisch prozeßbegleiterisch trösterisch und helfersyndromisch ausbildeter Damen, berichtet, was das Problem des Opfers sei; im Team sei dann diskutiert worden, wie dem Opfer geholfen werden könne. Danach sei dann sie, die Zeugin, beauftragt worden, die Betreuung zu übernehmen, die natürlich nur den äußeren Ablauf eines Prozesses beträfe, keinesfalls den Inhalt der Vorwürfe, darüber habe sie auch mit dem Opfer GAR NICHT gesprochen.

Ach doch, die Zeugin auf mehrfaches Nachfragen, sie habe ja eine „Überschrift“ für ihre Aufgabe gebraucht, da habe sie das Opfer schon gefragt, also wirklich nur für die Überschrift!!!!, was sie denn schreiben könne. Ach ja, da habe man sich dann auf sexuellen Missbrauch durch den Angeklagten von …. bis …. geeinigt, das habe aber wirklich nichts mit den Vorwürfen sondern nur mit ihrer Überschrift zu tun.

Es wäre ja nun böse von mir, auch nur zu vermuten, dass man ihm Team sich natürlich schon mal rein prognostisch Gedanken darüber gemacht hatte, was denn nun dem Opfer alles wirklich passiert sein könnte, dass es doch bestimmt nicht nur ein Anfassen sondern bestimmt auch ein Lecken war, denn das machen ja alle MännerMissbraucher.

Na ja, als Verteidiger dachte ich dann an solche Institutionen wie „Wildwasser“ und war froh, dass dieser Begleitungswahn es der Verteidigung offenbar zukünftig viel einfacher machen wird, manipulative Suggestionen als Ergebnis betreuender Teamarbeit aufzudecken.

Letztlich sind es die armen Opfer, die bald gar nicht mehr wissen werden, auf welchen der vielen Plätze sie sich wann setzen müssen und welche der vielen Begleterinnen wann welche Betreuungsfunktion wahrnimmt und welche der vielen Suggestionen nun gerade als tatsächlich Geschehenes berichtet werden soll.

Ach ja, das erstmals jetzt erwähnte „Lecken“ kam dann auch von der beratenen und betreuten Opferzeugin. Ergebnis der „Teamarbeit“? Man weiß es nicht so genau! Aber Zweifel säen ist ja gut, es hilft immer dem Angeklagten.

Resümee: Ich liebe die Zukunft mit pseudosozialer Prozeßbegleitung. Huch, was macht denn da meine Rechtschreibkorrektur? Heißt natürlich psychosoziale Prozeßbegleitung.

SONY DSC

Advertisements

Über rawsiebers

Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht, bundesweit tätig, TOP-RECHTSANWALT Deutschland 2014, 2015 + 2016: STRAFRECHT (Focus-Spezial von 2014, 2015 + 2016)
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

12 Antworten zu Pseudosoziale Prozeßbegleitung

  1. L.Steger schreibt:

    Sehr geehrter Herr Siewers,

    als Gerichtsberichterstatterin habe ich Ihren Artikel mit Interesse und auch Zustimmung gelesen. Ich weiß auch nicht, was sich Gesetzgeberin/ Gesetzgeber/ Gesetzgebende/ Gesetzgeberex mit dieser Maßnahme gedacht hat. Jedenfalls war ich neulich auch mal Zeugin in einer Hauptverhandlung, da ich unfreiwillig eine gef. KV nachts in einer S-Bahn erleben musste, und habe es – ganz ohne Hilfe – geschafft, die Fragen zu beantworten. Die Krux bei diesem Nanny-Feminismus ist, dass sie die Frauen als hilflose Wesen wahrnehmen möchte, was sie oftmals gar nicht sind, und sie auch in dieser Rolle fixiert, denn sonst wären ja die Jobs der Helferinnen weg. Ein historischer Rückschritt.
    MFG, L.S.

  2. rawsiebers schreibt:

    Wird beantragt,

    dem Angeklagten einen zweiten Pflichtverteidiger beizuordnen.

    Die Zeugin ist in strafrechtlicher Hinsicht beraten und vertreten durch die Nebenklagevertreterin Rechtsanwältin ……

    Darüber hinaus ist der Zeugin im Rahmen psychosozialer Prozessbegleitung Frau ….. beigeordnet worden, die für die nicht-materiell-rechtliche Schiene zuständig ist, für die Informationsvermittlung über den Prozessablauf und qualifizierte Betreuung und Unterstützung im gesamten Strafverfahren.

    Dies liegt daran, dass die Nebenklagevertreterin dazu offenbar nicht in der Lage oder damit überfordert ist, denn ansonsten würde diese weitere Betreuung keinen Sinn machen sondern lediglich der Steuergeldverschwendung dienen.

    Der Unterzeichnende ist mit der materiell-rechtlichen Verteidigung genauso wie die Nebenklagevertreterin so ausgelastet, dass die weitere prozessbegleitende notwendige Betreuung des Angeklagten nicht geleistet werden kann, so dass im Hinblick auf den Grundsatz des fairen Verfahrens und wegen der Chancengleichheit die Beiordnung eines zweiten Pflichtverteidigers notwendig ist, der diese psychosoziale Betreuung übernimmt, da ansonsten der Angeklagte deutlich schlechter betreut wäre als die Zeugin.

    • L.Steger schreibt:

      Ein Nebenklagevertreter, der der Zeugin nicht erklären kann, was die Aussage soll und was man dort keinesfalls darf, ist sein Geld nicht wert. Allerdings habe ich auch schon beobachtet, dass es bei den Nebenklagevertreter nicht nur fleißige Anwälte gibt.

  3. RA SG schreibt:

    Kantholz muss man sich schon verdienen. Sie tun es ;o).

    • rawsiebers schreibt:

      Die Strafverteidigerin und der Strafverteidiger, die ihr Handeln aus § 1 BORA, aus der StPO, der Verfassung und der EMRK ableiten und sich als Hüter des Rechtsstaats aufspielen, sind keine Arschlöcher, sondern eine Zierde und eine Garantie für die Autorität des Strafrechts und eine Voraussetzung für Gerechtigkeit und den Rechtsstaat, den ihre Hand- lungen meist schon im Einzelfall, jedenfalls aber im Ganzen behüten. (Bernd Wagner in Confront)

  4. RA CD schreibt:

    Der Beitrag wird der Realität nicht gerecht.
    Ich hatte zum Glück noch nie mit einer Opferbegleiterin von „Wildwasser“ das Vergnügen, aber mit männlichen Begleitern schon. Da gibt es keine Angriffspunkte, weil der Job solide gemacht wurde und das eigene Interesse (ich nehme an, dass der Mann selbst nicht missbraucht wurde) nicht auf die Zeugin projiziert wurde.

    Schreiben sie doch gerne wieder, wenn es nicht um Missbrauch ging und die Begleitung vom „Weisser Ring“ organisiert wurde!

    • rawsiebers schreibt:

      Hier geht es um Verfahren, in denen Zeuginnen sowohl von einer Nebenklagevertreterin als auch von einer „Begleiterin“ vertreten werden.

  5. schneidermeister schreibt:

    Irgendwie passt der Tenor Ihres Blogartikels („Ich freue mich über die Begleitung, das macht Freisprüche einfacher“ ) nicht so ganz zu der Begründung, warum man ausgerechnet dann, wenn es doch so viel einfacher wird, einen zweiten Pflichtverteidiger benötigen sollte.

  6. Dipl. Händchenhalter, LL.M. schreibt:

    Ist doch irgendwie bemerkenswert, dass sich Anwälte dem Stereotyp des „geldgeilen, schmierigen, gewissenlosen, überbezahlten Fachidiots, dessen Examensnote nicht für den Staatsdienst gereicht hat“ entgegentreten müssen, aber quasi gleichzeitig alle anderen runterputzen.

    Ich will es mal so sagen. Es gibt durchaus Kollegen und Kolleginnen, die nicht ansatzweise einen Plan vom Themengebiet Recht haben, aber auch eine nicht geringe Zahl die im rechtswissenschaftlichen Bereich ziemlich topfit sind.

  7. RA Ullrich schreibt:

    Es gibt durchaus im Einzelfall (mutmaßliche) Tatopfer, die eine psychologische Betreuung während des Gerichtsverfahrens brauchen können, um eine Verschlimmerung erlittener Traumata durch die Belastung des Prozesses und die damit verbundene sogenannte Reviktimisierung zu vermeiden. Dann aber m.E. besser gleich einen Psychotherapeuten, nicht einen Sozialpädagogen, auch wenn ich dem letzteren durchaus zugestehe, dass er mit seiner Ausbildung für die Aufgabe immerhin noch eher geeignet ist als so mancher (nicht zusätzlich ausgebildeter) Jurist, der als Nebenklagevertreter tätig ist. Aber dafür, denjenigen, die es wirklich brauchen, auf Kosten der Justiz (nicht der gesetzlichen Krankenkassen) eine professionelle psychotherapeutische Begleitung zu bezahlen hat das Geld wohl nicht mehr gereicht. Für die Fragen der rein praktische Prozessbegleitung (Wie läuft das ab, wie muss ich mich als Zeuge verhalten, wie kriege ich meine Auslagen erstattet, etc. ?) braucht’s aber nun wirklich keinen Sozialpädagogen zusätzlich zum Nebenklagevertreter, das gehört mit zu dessen Aufgaben.

    Fairerweise muss man allerdings auch hinzufügen, dass in der Konstellation Aussage gegen Aussage JEGLICHE Form professioneller Prozessbegleitung das Risiko mit sich bringen kann, dass die Zeugenaussage des mutmaßlichen Opfers aus aussagepsychologischer Sicht weniger gut punktet als wenn der Zeuge ohne Hilfestellung (ehrlich) berichtet. Der professionelle Nebenklagevertreter mag besser darüber Bescheid wissen, wie man diese Effekte minimiert, aber auch er redet mit dem Nebenkläger über das Tatgeschehen, übermittelt oft sogar im Ermittlungsverfahren eine von ihm in eigenen Worten selbst zusammengefasste und juristisch „gefilterte“ schriftliche Stellungnahme zur Sache für den Nebenkläger und kann so zur Verwässerung der Aussagegenese beitragen. Auch eine allgemeine Beratung des Zeugen, worauf Richter bei der Glaubhaftigkeitsprüfung einer Aussage achten (natürlich niemals darüber, wie man möglichst überzeugend lügt!) kann durchaus zum Aufgabenkreis des Nebenklägervertreters gehören – und steigert als Nebeneffekt unvermeidbar die potentielle Fälschungskompetenz des Zeugen.

Kommentare sind geschlossen.