Eigentlich unfassbar

Linke Winkelzüge

Ein Jugendrichter bei einem Amtsgericht in einer Löwenstadt hat die Angewohnheit, schlicht zu ignorieren, wenn Angeklagte und/oder Verteidiger mitteilen, dass die/der Angeklagte schweigt.

Aber nicht, dass er offen sagt, dass ihm das Schweigen nicht gefällt; er passt immer mal wieder Momente ab, in denen er vermutlich davon ausgeht, dass Angeklagte/r oder/und Verteidiger nicht aufpassen.

Heute völlig überraschend mitten in der Beweisaufnahme: „Wann haben Sie denn den Wodka getrunken?“

Ich konnte gerade noch verhindern, dass die erkennbar absichtlich übertölpelte Mandantin antworten konnte.

Dann hat er sich auch noch geärgert, dass ich ihm über eine Beschwerde ans Landgericht seinen Terminplanung zerschossen habe; er mit der Behauptung, die Beschwerdebegründung sei unwahr gewesen.

Und dann der Gipfel. Für die bis dahin schweigende Mandantin habe ich zu Beginn der Hauptverhandlung eine Erklärung abgegeben. Die, so sagte er, sei für ihn überraschend gekommen (als wenn es nie vorkommt, dass erst in der Hauptverhandlung Erklärungen abgegeben werden).

Und weil er nun so sauer und geradezu pissig war, meint er, es müsse ausgesetzt werden, um einen in Portugal ansässigen Schwarzafrikaner ausfindig zumachen, der etwas dazu sagen, kann, ob denn die Erklärung für die Angeklagte „wahr“ ist. Dass in Wirklichkeit es nur darum gehen wird, ob diese Erklärung nicht widerlegt werden kann, wollte er nicht verstehen.

Und dann will er noch überprüfen lassen, ob ein etwa 20 Jahre alter Toyota Carolla noch 5.000,00 € wert ist, auch diese Behauptung sei überraschend für ihn gekommen.

Wer seine Akten nicht liest und sauer ist, wenn es nicht nach seiner Nase läuft, vergisst schon mal seine Aufklärungspflicht.

Er hat nun wirklich um den Befangenheitsantrag gebettelt, den Gefallen haben wir ihm aber NOCH nicht getan. So platt zum Ausdruck bringen, dass er eine Angeklagte massiv unter Druck setzen will, weil ihre Fahrerlaubnis vorläufig entzogen ist, kann man selten erleben.

Eigendisqualifikation, und das nicht zu ersten Mal.

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Über rawsiebers

Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht, bundesweit tätig, TOP-RECHTSANWALT Deutschland 2014, 2015 + 2016: STRAFRECHT (Focus-Spezial von 2014, 2015 + 2016)
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2 Antworten zu Eigentlich unfassbar

  1. SR schreibt:

    Ich finde es erschreckend, dass in deutschen Gerichten überhaupt Platz für ein solches Benehmen ist. Nimmt einem den Glauben an ein 100% faires und objektives Gerichtsverfahren (als Angeklagter). Natürlich sind nicht alle Richter gleich, aber man liest häufiger über solche Ausreißer auf verschiedenen Blogs.

    Die Mandantin kann sich glücklich schätzen einen Anwalt an ihrer Seite zu haben, der so geistesgegenwärtig reagiert und den “Angriff“ abgewehrt. Da gibt es auch Verteidiger von einem anderen Schlag…

    MfG
    SR

  2. Thorsten schreibt:

    Ich mag solche Prozesse nicht. Da kann man nicht „in Ruhe verteidigen“, weil der Mandant seine Fahrerlaubnis schnell zurückhaben möchte und stets noch schlimmer drängelt, als der Richter mit seinem Terminkalender.

    Es sei denn natürlich, es steht schon so gut wie fest, dass der Mandant seine Fahrerlaubnis für mind. ein Jahr nicht sehen wird (und der Mandant ist in diesem Punkt auch einsichtig).

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