Warum redet der nicht mit mir?

Keine Scheuklappen

Fast immer bitte ich Mandaten, die mit einer – für mich – neuen Strafsache zu uns, dem http://www.verteidiger.haus, kommen, mir NICHT zu erzählen, was geschehen ist. Ich bitte sie vielmehr, abzuwarten, bis wir Akteneinsicht hatten, damit ich dann, wenn ich die Akte gelesen habe, mit ihnen über den Sachverhalt sprechen kann.

Warum mache ich das so? Weil es dem Mandanten nicht hilft, wenn ich mir seine Scheuklappen aufsetze. Seine Erinnerung an das Geschehen ist subjektiv gefärbt, das ist auch in Ordnung. Der Verteidiger könnte aber Details übersehen, wenn er von Beginn an nur die Sicht seines Mandanten übernimmt.

Also: Ich kann Ihnen besser helfen, wenn ich zunächst die Akte gelesen habe, damit ich dann auch bei Ihrer ersten Schilderung schon Hinweise geben kann, ob das eine oder andere Detail durch objektive Feststellungen (Gutachten, Fotos, Videos, Spuren …) in Ihrer Erinnerung nicht ganz richtig sein kann oder besonders tiefgreifender Erörterung bedarf.

Profane Beispiele:

Sie sind überzeugt davon, nur zwei Bier getrunken zu haben. Ihre Blutalkoholkonzentration wurde laut Akte mit 1,9 „Promille“ festgestellt.

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Sie sind überzeugt davon, zur Tatzeit nicht vor Ort gewesen zu sein, am Tatort wurde aber Ihr Personalausweis gefunden.

Beide Punkte können dann natürlich sofort vertieft erörtert werden, wenn ich vorher die Akte einsehen konnte.

Also: Nicht enttäuscht sein, wenn ich vor der Akteneinsicht zwar schon einen Vorschuss erwarte, aber noch gar nicht mit Ihnen über die Sache reden will. Beides! macht Sinn.

Das mit dem Vorschuss macht übrigens deshalb Sinn, weil wir sonst gar nicht erst anfangen, zu arbeiten.

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Über rawsiebers

Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht, bundesweit tätig, TOP-RECHTSANWALT Deutschland 2014, 2015 + 2016: STRAFRECHT (Focus-Spezial von 2014, 2015 + 2016)
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2 Antworten zu Warum redet der nicht mit mir?

  1. Sinnvolle Vorgehensweise. Macht (leider) nicht jeder Anwalt so.

  2. RA MR schreibt:

    Der Personalausweis am Tatort?das spricht jetzt aber nicht wirklich stark für die Anwesenheit des Inhabers am Tatort….

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