Höflichkeit ist eine Zier (Potenz-Verfahren Potsdam 4. Tag)

Wenn Richter angepisst sind

Wir machen unsere Arbeit. Zu dieser Arbeit gehört das Ausschöpfen aller Mittel der Strafprozessordnung sofern es dem Mandanten nutzen kann, also auch die Anwendung des Befangenheitsrechts. Der Verteidiger, der das nicht macht, verkürzt die Rechte seines Mandanten.

Richter und Staatsanwälte, insbesondere Konfliktrichter und Konfliktstaatsanwälte, mögen das nicht, das verstehe ich, weil bei dem einen oder anderen der Horizont nicht ausreicht, zu erkennen, dass es sich nicht um persönliche Angriffe handelt sondern einfach nur um die Erledigung unserer Aufgaben.

Manchmal (zwar selten, aber es klappt!) erreicht man damit ja auch, dass man schon nach vier von unendlich vielen Verhandlungstagen einen unumstößlichen Revisionsgrund geschaffen hat, ohne dass das Gericht das begreift. Dazu vielleicht irgendwann einmal; vorab: ein feines Gefühl und der Mandant freut sich.

Richtig peinlich ist aber, wenn als Reaktion dann eine armselig unhöfliche und respektlose Disziplinierung erfolgt. Natürlich ist es schwierig und zeitintensiv, mehrere ineinander verschachtelte Befangenheitsanträge mit wechselnder Beteiligung zu bescheiden. Natürlich kann man dann nicht von Beginn an genau einschätzen, wieviele Stunden diese Bearbeitung dauern wird.

Natürlich ist es (eigentlich) selbstverständlich, die wartenden Prozessbeteiligten dann jeweils zu informieren, wie lange es in etwa noch dauern wird oder, ob man es noch nicht einschätzenden kann, mindestens aber bis …..

Eine bodenlose Frechheit und Charakterlosigkeit ist es aber, wenn ein Gericht zunächst mitteilt, dass sich der Beginn des Hauptverhandlungstages von 09.30 Uhr sukzessive auf 13.30 Uhr verschiebt, dann aber zwei Staatsanwälte, einen Nebenklagevertreter, einen Angeklagten in der Vorführzelle und weitere 4 Angeklagte und deren 7 Verteidiger wie die Deppen und jungen Dummen bis 15.30 Uhr ohne jede Information auf dem Flur herumstehen zu lassen.

Ich bin grundsätzlich auf lange Verhandlungstage vorbereitet, egal, wo die Verhandlung stattfindet. Auch am Freitag. Ich finde das sogar ausgesprochen gut, wenn mein Mandant in Haft sitzt. Aber dieses unverschämte Abgestellt-Werden auf dem Gerichtsflur zeigt, dass die Verantwortlichen zwar irgendwann vielleicht warum auch immer die „Befähigung zum Richteramt“ bescheinigt bekommen haben, der Intellekt zum Erwerb sozialer Kompetenz dann aber doch nichts hergegeben hat.

Oder war es doch nur der gestreckte Mittelfinder nach dem Kindergartenmotto: Zeigst Du es mir, zeig ich es Dir?

Na ja, immerhin konnten wir dann noch einen Vorleseroboter und einen Geschichtenerzähler anhören. Auch vorlesen will gelernt sein.

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Über rawsiebers

Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht, bundesweit tätig, TOP-RECHTSANWALT Deutschland 2014, 2015 + 2016: STRAFRECHT (Focus-Spezial von 2014, 2015 + 2016)
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5 Antworten zu Höflichkeit ist eine Zier (Potenz-Verfahren Potsdam 4. Tag)

  1. RA Register schreibt:

    Kennt man. Das sind insbesondere (nicht alle!) die, die sich geadelt und besonders abgehoben fühlen, wenn sie mal Vorsitzender geworden sind. Glauben, die Welt kreist nur um sie, fühlen sich wie der Gerichtsgott und sind in Wirklichkeit einfach nur dumm, dreist und verlieren jeden Anstand.

  2. Unbeteiligter Zuschauer schreibt:

    Für die Staatsanwälte und den Nebenklagevertreter tut es mir auch Leid. Für den Verteidiger tut es mir jedenfall dann nicht Leid, wenn er den Befangenheitsantrag unnötigerweise bis zur letzten Sekunde zurückgehalten hat.

    • rawsiebers schreibt:

      Ich kann gut damit leben, dass Ihnen das nicht leid tun würde, wenn irgendetwas zu spät gestellt worden wäre. War zwar nicht so, das Warten hat mir auch nichts ausgemacht, eine unverschämt dreiste Unhöflichkeit war die Nichtinformation trotzdem.

  3. Agnes Karsten schreibt:

    Was sind denn bitte Konfliktrichter? Menschen, die nicht alles kommentarlos schlucken und machen, was von Verteidigerseite beantragt und geäußert wird?

  4. RA Werner Siebers schreibt:

    Na endlich, hat ja nun lange genug gedauert, bis diese Frage kommt. Ich hätte fast meine Wette verloren, hatte viel gesetzt darauf, dass diese Frage spätestens heute noch gestellt wird.

    Und Antwort: Konfliktrichter sind die Richter, die Dinge tun, auf die Verteidiger reagieren müssen und die dann wegen dieser notwendigen Reaktionen von den Konfliktrichtern als Konfliktverteidiger beschimpft werden.

    Ist doch ganz einfach, oder?

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