Der erste Eindruck muss nicht immer richtig sein

30 Jahre hat es gedauert, jetzt war ich das erste Mal konrontiert mit einem Stimmenvergleichsgutachten.

Frau Dr. Marianne Jessen aus Wiesbaden hat ein solches erstellt für eine Wirtschaftsstrafkammer, es ging um hunderte von aufgezeichneten Telefongesprächen in russischer und ukrainischer Sprache.

Die prozessuale Aufarbeitung war zwar für mich nicht unbedingt nachvollziehbar, aber sei es wie es sei. Die Sachverständige hatte der Kammer ein 17-seitiges Schriftstück vorgelegt, von dem ich dachte, dass es, wie bei anderen Sachverständigen, um ein vorläufiges Gutachten handeln würde und erwartete nun die Erstattung des endgültigen Gutachtens in mehr oder weniger freier Rede.

Und dann: ermüdendes Vorlesen der 17 Seiten, die alle kannten, das Anstrengenste war das Wachhalten, grottenschlecht habe ich gedacht, einen Befangenheitsantrag erwogen, weil natürlich damit dokumentiert war, dass die Sachverständige sich vorher bereits festgelegt hatte.

Dann aber drehte sich das Blatt: Eine hochkompetente Vorsitzende stellte ausgewählt weiterführende Fragen, und jetzt lief die Frau Sachverständige sich warm. Als sie aus dem Vorlesemodus bei den Antworten in freier Rede erklären konnte, worum es in ihrer Wissenschaft geht, wie das alles funktioniert, warum man wie zu welchen Ergebnissen kommt, was verwertbar ist und was nicht, faszinierte sie alle Zuhörer. Das war verständlich, nachvollziehbar, überzeugend und RICHTIG GUT.

Das nächste Mal bitte ohne stumpfes Vorlesen, dann bekommt man die Zuhörer gleich ins Boot.

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Über rawsiebers

Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht, bundesweit tätig, TOP-RECHTSANWALT Deutschland 2014, 2015 + 2016: STRAFRECHT (Focus-Spezial von 2014, 2015 + 2016)
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Eine Antwort zu Der erste Eindruck muss nicht immer richtig sein

  1. irgendwer schreibt:

    Der erste Eindruck kann niemals richtig sein, weil er vom persönlichen Standpunkt aus gefällt wird, der vom Reifegrad der Person abhängt.

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