So ein Pech aber auch

Wenn ein Gericht sich verschätzt

Die Kammer strahlt eine heimelige Gemütlichkeit aus, nichts soll über das Bein gebrochen werden, ganz besonders soll nicht durch hektische Eiligkeit eine Hast erzeugt werden, die schwindelig machen könnte.

Schon der Beginn eines jeden Verhandlungstages ist wie das langsame Aufwärmen für einen Marathon, nicht das hektische Gestrecke eines Amateursprinters. Gut Ding will richtig viel Weile haben.

Da wird nicht morgens mal kurz in die Runde geschaut und festgestellt, dass alle notwendig Beteiligten anwesend sind; nein, es wird akribisch buchalterisch in westfälischer Gemütsruhe festgestellt, dass

der Angeklagte Armin Affe mit seinen Verteidigern, Rechtsanwalt L aus M und Rechtsanwalt H aus B,

der Angeklagte Benni Büchs mit seinen Verteidigern, Rechtsanwalt M aus B und Rechtsanwalt Boro aus Marl,

der Angeklagte Caesar Chaos mit seinen Verteidigern, Rechtsanwalt Hand aus Roth und Rechtsanwalt T aus Ern,

usw., usw., usw bei sechs Angeklagten.

Die Vorsitzende macht das vermutlich, weil sie befürchtet, dass bei der Schnelligkeit der Veranstaltung die Verteidiger vergessen, wo sie herkommen und deshalb jeden einzelnen Verteidiger daran erinnern will, aus welcher Stadt sie kommt.

Und weil Entschleunigung so anstrengend ist, muss natürlich jeder Verhandlungstag (trotz Haftsache bei sechs Angeklagten) jedenfalls vor 15.00 Uhr, wenn möglich deutlich früher, abgebrochen werden.

Dazu meint das allwissende OLG, dass die Planung von Terminen Unwägbarkeiten unterläge, die im Einzelnen zu einer kürzeren Verhandlungsdauer als geplant führen können.

Diese Begründung ist inhaltlich frei erfunden und nicht einmal von der Kammer selbst ins Feld geführt worden, zumal dann die Kammer „zufällig“ an allen der ersten zehn Verhandlungstage schief gelegen haben müsste und sich immer bei der zu erwartenden Dauer „verschätzt“ haben müsste.

Aber so sind sie, die väterlichen OLG-Richter: die Kammern müssen geschützt werden vor querulierenden Verteidigern, die meinen, in Haftsachen müsse auch mal ganztags verhandelt werden.

Witzig: Am ELFTEN durchgeführten Verhandlungstag ging es plötzlich bis 16.00 Uhr mit dem Hinweis, man könne auch gern noch weitermachen! Hat die Kammer wohl die Haftbeschwerden gelesen und sich gaaanz plötzlich nicht mehr verschätzt.

Ein Unbeteiligter zu mir: So ein Affenzirkus, und das im Krähennest.

Habe ich zwar nicht verstanden, aber Vergleiche aus der Tierwelt hören sich immer gut an.

Scharfe Bürozähne

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Über rawsiebers

Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht, bundesweit tätig, TOP-RECHTSANWALT Deutschland 2014, 2015 + 2016: STRAFRECHT (Focus-Spezial von 2014, 2015 + 2016)
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