Viel Zeit

Ich bin beleidigt

Ein Ausflug ins Zivilrecht, man gönnt sich ja sonst nichts. Weit weg von der Heimat, am Landgericht Görlitz spielt das Theater. Der gegnerische Kollege und auch ich produzieren reichlich Papier, das Gericht lädt zur Verhandlung, der Kollege erzählt, viel, na ja, all das, was er schon geschrieben hat.

Erste Beweisaufnahme im schönen Görlitz, der Kollege erzählt, noch mehr – all das was er schon erzählte und schrieb.

Zweite Beweisaufnahme, wieder Reden, reden, Reden – alles schon gelesen und gehört.

Dann noch ein Gutachten und die Möglichkeit, dazu schriftlich Stellung zu beziehen. Pfund Papier kommt, alles nicht neu.

Dann beraumt das Gericht einen Termin an mit dem Hinweis, dass der nicht stattfinden muss, wenn die Zustimmung zum schriftlichen Verfahren erteilt wird. Mach ich, ganz schnell, damit ich mir das Geseiere vom Kudamm nicht erneut anhören muss.

Der Kudamm-Kollege reagiert nicht, Verzweifelungsfax von mir, dass alles, was er jetzt in der überflüssigen Verhandlung erzählen wird, entweder verspätet sein wird oder schale Wiederholung. Reaktion: Null!

Also wieder hin; Görlitz ist wirklich schön, aber nur für Aufgewärmtes und die Erkenntnis, dass dort Wurstnudeln in einem Lokal angeboten werden, muss man sich die 400 km hin und wieder zurück eigentlich nicht antun.

Und: Kollege schwätzt den Scheiß, den er schon immer geschwätzt hat. Die einzige Reaktion, die mir einfiel (und dem Richter ein leichtes Lächeln entlockte) war, dem Kollegen zu beichten, dass ich beleidigt bin, dass er mich für so blöd hält, immer noch nicht kapiert zu haben was er will und meint, er müsse es mir (und dem Gericht) zum 1000sten Mal erzählen.

Ja so sind sie, einige Kollegen vom Kudamm. Produzieren Kosten und verschwenden Zeit, um sich selbst reden zu hören. Grrr!

Wenigstens konnte ich mich lange und angenehm mit der angehenden Demnächst-Referendarin unterhalten.

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Über rawsiebers

Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht, bundesweit tätig, TOP-RECHTSANWALT Deutschland 2014, 2015 + 2016: STRAFRECHT (Focus-Spezial von 2014, 2015 + 2016)
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10 Antworten zu Viel Zeit

  1. RA Tatouille schreibt:

    Mündliche Verhandlungen über Ansichten, die schon tausendmal schriftlich niedergelegt worden sind, erachte ich als genauso überflüssig wie mündliche Ausführungen, die vorher noch nicht schriftlich fixiert worden waren. Im erstgenannten Fall habe ich keine Lust, mir das Geseiere des Gegenanwalts und/oder des Gerichts anzuhören. Wenn ich bis dahin meine Meinung nicht geändert habe, geschieht das garantiert auch nicht dadurch, daß es mir noch einmal mündlich präsentiert wird. Im letztgenannten Fall wird man im Zweifel nicht spontan adäquat reagieren können, so daß ohnehin ein Schriftsatznachlaß fällig wird.

    Genauso unsinnig sind Telefonate oder gar persönliche Besprechungen mit dem Gegenanwalt. Die meisten Kollegen wollen einem bei einem eigenen Redeanteil von 90% nur erklären, weshalb ihr Mandant im Recht sei, man selbst völlig falsch liege und den Prozeß verlieren werde. Mit welchen Erwartungen werden solche Gespräche initiiert? Soll ich weinend zusammenbrechen und zugeben, daß ich völlig falsch lag, mein Mandant dank der eloquenten Ausführungen des Gegenanwalts nunmehr alle Forderungen erfüllen werde?

    Das gleiche Phänomen gibt es im Strafrecht unter Richtern und Staatsanwälten, die mir stundenlang erzählen wollen, wie ich meinen Mandanten besser verteidigen könnte (natürlich mit einem vollen Geständnis, weil ja eh alles klar sei)…

    Das ist doch alles albern. Sowohl Richter als auch Gegenanwälte dürfen davon ausgehen, daß ich meinen Mandanten in alle Richtungen umfassend beraten, ihn auf die rechtlichen und finanziellen Risiken hingewiesen und eine bestimmte Empfehlung ausgesprochen habe. Süffisante Bemerkungen wie „Der Kläger/Beklagte/Angeklagte wäre besser beraten gewesen, wenn…“, sind völlig fehl am Platz.

    • Zwerg schreibt:

      Ich stimme Ihnen grundsätzlich zu.

      Leider machen wir in der Zwergenpopulation häufig die Erfahrung, dass Angeklagte erstaunlich schlecht verteidigt sind, also z.B. von Anwälten die von Strafrecht wengig verstehen. Da finde ich es in Ordnung und dem Grundsatz des fairen Vefahren durchaus entsprechend, dass man da Vorschläge oder Hinweise gibt. Der Angeklagte muss doch nicht deshalb schlechter wegkommen, weil sein Verteidiger zu ******* war. Der Mandant merkt ja nicht immer, dass sein Anwalt schlecht ist.

      • rawsiebers schreibt:

        Von den sieben Zwergen sind es aber leider 5 bis 6, die dann nicht dem Angeklagten „helfen“ sondern eher die schlechte Verteidigung ausnutzen, um die Sache schnell und unkritisch vom Tisch zu bekommen.

  2. Mihail schreibt:

    Bei dieser Gelegenheit kann auch noch mal die Frage aufgeworfen werden, welche Lobby sich seinerzeit nochmal für die Aufwertung der Berufungsverhandlung in Zivilsachen stark gemacht hat.

    Wenn ich mich richtig erinnere, waren das die Anwälte. Und das alles, um ihr Gesülze zum 1001. Mal kundzutun.

    • Klar, und wenn wir schon bei unpassenden Seitenhieben sind: Und welche Lobby verhindert bis heute erfolgreich das Wortprotokoll bzw. die Aufzeichnung von Hauptverhandlungen in Strafsachen? Es sind die Richter, um weiterhin in ihren Urteilsgründen das Blaue von Himmel herunterlügen zu können.

      • T.H., RiAG schreibt:

        Gegen lügende Richter hilft aber die Heerschar rechtschaffener Rechtsanwälte, die niemals etwas vortragen würde, das nur in Ansätzen nicht ganz wahr sein könnte.

  3. schneidermeister schreibt:

    @RA W. Siebers:
    „Das Blaue vom Himmel herunterzulügen“ ist schon eine recht pauschale Diffamierung der Richter.
    Das Originelle ist ja, dass in Strafverteidigerliteratur immer wieder behauptet wird, nach der Urteilslektüre habe der eine oder andere Verteidiger gelegentlich das Gefühl, in einer anderen Verhandlung gewesen zu sein. Als Fundstelle hierfür werden meist Werke anderer Strafverteidiger genannt. Belege dafür gibt es aber nirgendwo, irgendein konkreter Fall, zu dem geschildert wird: so wars in Wirklichkeit, und das Urteil ist erlogen: Fehlanzeige. Selbst in der Rubrik „Prozessberichte“ im Strafverteidiger steht nichts dazu.
    Das Wortprotokoll würde voraussetzen, dass qualifiziertes schnellschreibefähiges Personal eingesetzt wird oder aber eine Tonaufzeichnung, die dann abgeschrieben wird. Vor kurzem wurde das in der Arbeitsgerichtsbarkeit in Baden-Württemberg mal versucht. Der Schreibaufwand ist enorm, häufig wegen der verschwurbelten Fragestellung (die gefürchtete Einleitung : „habe ich Sie jetzt richtig verstanden….“, bei der man nicht weiß, was nach dem folgenden Bandwurmsatz die eigentliche Frage sein soll) und auch wegen der ÄÄÄhms, ÄÄÄHs etc.
    Abgesehen davon: einer der von Strafverteidigern meistgefürchteten/gehassten BGH_Vorsitzenden hat sich sowohl in seinem Buch „Tatsachenfeststellung vor Gericht“ für die Tonaufzeichnung von Vernehmungprotokollen als auch in einem BRAK_Vorschlag gemeinsam mit Strafverteidigern für eine Video/Tonaufzeichnung der Hauptverhandlung eingesetzt. Das würde auch die sinnlosen Streitereien über die wörtliche Protokollierung (soll überhaupt? Wenn ja: was genau wurde denn gerade gesagt?) überflüssig machen.

  4. schneidermeister schreibt:

    @kj: Nack, nicht Bender

  5. RA Punzel schreibt:

    Ein Phänomen habe ich im Zivilprozeß bis heute nicht verstanden. Wird eine Klage abgewiesen, weil der Kläger seinen Anspruch nicht beweisen kann, halten das alle beteiligten Juristen für normal. Ein klagestattgebendes Urteil, also die Verurteilung eines Beklagten, bereitet vielen Richtern und mitunter sogar dem Klägeranwalt große Bauchschmerzen. Im erstgenannten Fall wird ein wahrscheinlich bestehender Anspruch über vielleicht große Summen abgeschmettert und dem Kläger ein finanzieller Verlust großen Ausmaßes zugefügt. Im letztgenannten Fall soll jemand vielleicht zu Unrecht zahlen und ihm eine erhebliche finanzielle Belastung zugefügt werden.

    Weshalb ist das eine besser zu verkraften als das andere? Im Strafrecht scheint die umgekehrte Regel zu gelten, hier scheint ein Freispruch aus Mangel an Beweisen für das Gericht „schmerzhafter“ zu sein als eine zweifelhafte Verurteilung (ja, ja, ich weiß, wenn man verurteilt, hat man keine Zweifel. Diese überwindet man im Strafrecht nach meinem Eindruck aber schneller als im Zivilrecht…).

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