Aus der Straf-Juristerei 004 (Verkehrsunfallflucht)

Wenn Richter einen lauten Knall haben (Verkehrsunfallflucht)

Gerichte machen es sich oft zu leicht, angeblichen Vorsatz festzustellen, wenn es um den Vorwurf einer Verkehrsunfallflucht geht. Gern genommen wird das Argument, dass ein Fahrer einen Anstoß gehört haben muss, wenn ein außenstehender Zeuge berichtet, es habe angeblich einen „lauten Knall“ gegeben.

Dieser laute Knall kann zum Beispiel nur deshalb als laut empfunden worden sein, weil sich der Zeuge in einer sonst sehr ruhigen Gegend über das Geräusch erschrocken hat, das gefahrene Fahrzeug kann über eine ausgesprochen gute Geräuschdämmung verfügen, der Fahrer kann sich durch laute Musik beschallt haben, der Anstoß kann sich in ansonsten sehr lauter Umgebung abgespielt haben.

Jüngst hat sich das Oberlandesgericht Hamm mit solch einem Fall auseinandergesetzt:

OLG Hamm 14.8.03, 2 Ss 439/03

Nicht gänzlich rechtsbedenkenfrei ist bereits die vom Amtsgericht gezogene Schlussfolgerung, der Angeklagte habe den Unfall bemerkt. Denn es hat keine Gesamtbewertung aller Gesichtspunkte vorgenommen, insbesondere sich nicht damit auseinandergesetzt,

  • dass es sich um einen Vorfall beim Ausparken mit entsprechend niedriger Geschwindigkeit
  • und bei dem anderen Fahrzeug um einen Lkw gehandelt hat,
  • dass der mit 801,36 € bezifferte Schaden nach heutigen Maßstäben als vergleichsweise noch gering einzuschätzen ist,
  • dass der Angeklagte und seine Ehefrau nicht nochmals ausgestiegen waren,
  • und dass schließlich Zweifel an der vollen Hörfähigkeit des Angeklagten physiologisch allein aufgrund seines Lebensalters angezeigt sind.
  • Hinsichtlich des von dem Zeugen E. geschilderten „sehr lauten Aufprallgeräusch“ hat es nicht in Betracht gezogen, dass es sich um eine subjektive, weder messbare noch reproduzierbare Einschätzung handelt.

Zu finden bei „Papst“ Burhoff

Dass der jetzt 90-jährige Angeklagte möglicherweise jetzt mit einer Überprüfung seiner Fahreignung rechnen muss, steht auf einem anderen Blatt. Aber auch da gibt es Unterstützung, zum Beispiel von dem „Führerscheindoktor“ Dr. Dirk-Antonio Harms.

Foto

Advertisements

Über rawsiebers

Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht, bundesweit tätig, TOP-RECHTSANWALT Deutschland 2014, 2015 + 2016: STRAFRECHT (Focus-Spezial von 2014, 2015 + 2016)
Dieser Beitrag wurde unter Braunschweig, bundesweit, Fachanwalt, Rechtsanwalt, Strafrecht, Verteidiger abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Aus der Straf-Juristerei 004 (Verkehrsunfallflucht)

  1. kj schreibt:

    Zeugenaussagen sind recht unzuverlässig. Der laute Knall passt eher nicht zu dem geringen Schaden. Meist merkt man aber selbst geringfügige Anstoßungen die Erschütterungen des Fahrzeuges, ein Gutachter kann dies gut feststellen. Verstehe nicht warum der Richter den hier nicht bemüht hat, eine andere Alternative wäre eine Einstellung gegen Spende gewesen.

  2. Bernd schreibt:

    Das mit dem „lauten Knall“ ist schon von Haus aus unglaubwürdig. Jeder der mal einen Verkehrsunfall live miterlebt hat oder gar selber daran beteiligt war wird die Beobachtung gemacht haben, dass dergleichen erstaunlich geräuscharm ist und es sich wenn überhaupt um ein sehr dumpfes und gar nicht so auffälliges Geräusch handelt. So ist das nun mal wenn sich Blech verformt.

    Zeugen die also etwas von einem lauten Knall faseln sind direkt als Fantasten abzulehnen. Dass das Gehirn sich angebliche Details einbildet und diese Einbildungen dann in Zeugenaussagen fussen ist zudem ein lange bekannter Fakt.

Kommentare sind geschlossen.