Passt das noch?

Ist Hoeneß unvergleichlich?

Angeklagt: gewerbsmäßige Untreue, mehr als 30 Fälle. Gesamtschaden in weniger als 10 Monaten etwa 60.000,00 €.

Die Angeklagte unvorbestraft und unwiderlegbar in einer finanziell verzweifelten Situation, dazu noch Helfersyndrom. Notarielles Schuldanerkenntnis, umfassendes Geständnis, kein Cent für die Schadenswiedergutmachung da.

Anklage vor dem Schöffengericht, Sitzungsvertreter beantragt eine Gesamtstrafe von 2 Jahren mit Bewährung, raus kommen etwas über 1,5 Jahr auf Bewährung. Mandantin hochzufrieden und glücklich, alle zeigen Verständnis. Alles ist fein, alles ist gut.

Fragt mich hinterher eine Zuschauerin: Gewerbsmäßige Untreue und ein besonders schwerer Fall der Steuerhinterziehung, sind das verschiedene Strafrahmen?

Antwort: Nein, sind identisch.

Frage: Falls Herr Hoeneß für fast eine Million Steuerhinterziehung, nachdem er die Steuern aus der Portokasse nachbezahlt hat, auch maximal 2 Jahre auf Bewährung bekommt, passt das noch?

Antwort: ??????????????

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Über rawsiebers

Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht, bundesweit tätig, TOP-RECHTSANWALT Deutschland 2014, 2015 + 2016: STRAFRECHT (Focus-Spezial von 2014, 2015 + 2016)
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4 Antworten zu Passt das noch?

  1. Denny Crane schreibt:

    Na und? Ist doch normal. Je höher der Schaden desto geringer die Strafe – im Verhältnis. Wer sich also nur im fünfstelligen Bereich zu bereichern versucht, ist selbst schuld. Millionenbetrug wird dagegen häufig mit Bewährung geadelt. Dreistigkeit siegt. Wer sich mit Ladendiebstählen abgibt und am Ende wegen eines im Laufe seiner „Karriere“ beabsichtigten, aber nicht verwirklichten Gesamtschadens (da immer erwischt) von 81,43 Euro hinter Gittern landet, zeigt, daß er zurecht am unteren Rand der Gesellschaft herumkrebst. Erfolgreiche Menschen verursachen einen zehntausendfach höheren Schaden und erhalten Bewährung. Nur linke Neidhammel würden so etwas als Klassenjustiz bezeichnen. Es macht als Anwalt einfach Spaß, solche Menschen zu verteidigen. Drogenabhängige Kleinkriminelle mit hoher Knastwahrscheinlichkeit verursachen dagegen nur Verdruß.

    Anders ein bemerkenswerter Amtsgerichtsdirektor in der niedersächsischen Provinz: „Solange Hoeneß, Zumwinkel und Hartz frei herumlaufen, erhalten Ladendiebe von mir keine Freiheitsstrafen!“ In meine Augen eine unmögliche Einstellung! Da möchte man sich als Verteidiger gleich der Berufung der Staatsanwaltschaft anschließen.

    Selbst wenn Herr Hoeneß wider Erwarten eine Freiheitsstrafe ohne Bewährung erhielte, würde die bayerische Fürsorgejustiz für ihn den kuscheligsten und heimatnächsten Platz im offenen Vollzug aussuchen, wo er lediglich die Zeit zwischen 23.00 Uhr und 5.00 Uhr verbringen müßte. Es ist hart genug, wenn man als Leistungsträger die Tiefschlafphase nur in Unfreiheit erleben darf.

    Allerdings ist mir nicht ganz klar, weshalb R1ler mit ihrer traurigen Besoldung soviel Nachsicht gegenüber Menschen üben, die monatlich das 50- bis 100-fache verdienen und meinen, sich trotzdem noch mit Straftaten weiter bereichern zu müssen.

  2. Lore schreibt:

    Antwort:
    Vor dem Gesetz sind alle gleich – nur manche sind eben gleicher! Es lebe der Rechtsstaat!

    „Es macht als Anwalt einfach Spaß, solche Menschen zu verteidigen.“ – Bei der Höhe des Streitwertes ist das doch auch verständlich, dann stimmt nämlich auch mal die Entlohnung des Anwalts. Bei kleinen Ladendieben ist nichts auch zu holen und die PKH reicht wohl immer gerade für die Ausgaben. 😉

  3. PKH-Anwalt schreibt:

    PKH im Strafverfahren – dass ich das noch erleben durfte!

  4. AndiG schreibt:

    Ist es für Sie auch das gleiche, eine alte Dame betrügerisch um ihre Lebensersparnisse sagen wir mal 20.000,- €) zu bringen und in großem Umfang Steuern zu hinterziehen? Der Strafrahmen ist auch der gleiche (§263 Abs. 3 Nr. 3 StGB, §370 Abs. 3 AO). Oder wie wärs mit einer gef.KV. (§224 Abs. 1 StGB), Diebstahl eines angeschlossenen Fahrrads (§243 Abs. 1 Nr. 2)?
    Vieleicht sollten Sie sich das mit dem Schuldprinzip und der Strafzumessung nochmal zu Gemüte führen. Hier sollten Sie auch Erwägungen dahingehend einfließen lassen, dass – wenn die Berater nicht geschlampt hätten – Herr Hoeneß wegen seiner Selbstanzeige straffrei geblieben wäre.

    @Lore: Die Vergütung eines Strafverteidigers hat mit dem Streitwert (den es im Strafverfahren nicht gibt) nichts zu tun. Wie der Kollege aus dem PKH-Prekariat bereits anmerkte, gibt es dort auch keine PKH/VKH sondern allenfalls Fälle notwendiger Verteidigung.

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