Kurzer Prozess

Kein Theater

Es geht auch anders. Irgendwie hatte den Richter in erster Instanz der Ehrgeiz gepackt. Er hatte nicht nur aus dem abgelehnten Angebot von etwas mehr als einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung eine satte Strafe von  fast vier Jahren gemacht, er hat darüber hinaus sogar noch versucht, bezüglich anderer Beteiligter Druck zu machen, dass die Staatsanwaltschaft gegen diese richtig Gas gibt.
Gut, dass in zweiter Instanz eine ergebnisoffene Sitzungsvertreterin der Staatsanwaltschaft, die ganz sicher nicht als Weichei gehandelt wird, und ein verständiger Vorsitzender bereit waren, darüber zu sprechen, ob nicht eine andere Lösung in Frage kommt.
Nachdem klar wurde, dass eine Abänderung des erstinstanzlichen Urteils mit einem Ergebnis möglich ist, das sowohl Staatsanwaltschaft als auch der Angeklagte und die Verteidiger akzeptieren könnten, wurde der anwesenden Schulklasse kein großes Theater mehr geliefert sondern im wahrsten Sinne des Wortes ein kurzer Prozess gemacht.
Es muss nicht immer die große Show sein, um ein vernünftiges Ergebnis zu erzielen. Dank noch auch an den mitverteidigenden Kollegen Matthias Jochmann aus Goslar.
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Über rawsiebers

Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht, bundesweit tätig, TOP-RECHTSANWALT Deutschland 2014, 2015 + 2016: STRAFRECHT (Focus-Spezial von 2014, 2015 + 2016)
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2 Antworten zu Kurzer Prozess

  1. RA Punzel schreibt:

    Durchaus erstaunlich, wie häufig das Ergebnis von den Verfahrensbeteiligten abhängt. 1,5 Jahre Freiheitsstrafe hatte ein inzwischen pensionierter 65-jähriger Lehrer in erster Instanz wegen vermeintlicher Körperverletzung im Amt kassiert. An dem Urteil waren beteiligt: zwei heißblütige Berufsanfänger auf Seiten von Gericht und Staatsanwaltschaft und ein Mietrechtsexperte an der Seite des Angeklagten.

    An der Berufungshauptverhandlung nahmen ein Richter und ein Oberstaatsanwalt teil, die wenige Woche vor ihrer eigenen Pensionierung standen. Letzterer nahm die Berufung seines Kollegen, die auf eine noch höhere Strafe zielte, zurück. § 153 StPO lautete das Ergebnis am Ende. Am Sachverhalt hatte sich wenig geändert. Das erste Urteil hätte das finanzielle Aus für den Lehrer bedeutet.

    Und da sagt das BVerfG, ein Instanzenzug sei verfassungsrechtlich nicht geboten, sondern nur eine Wohltat des Gesetzgebers, die jederzeit abgeschafft werden könnte…

  2. kj schreibt:

    Es sind nicht in erster Linie Berufsanfänger, die unangemessene Strafen verhängen. Im Sachsenländle wurde ein nicht vorbestrafter Arbeitsloser, der seinen Hund erschlagen hatte, im Zusammenwirken mit einem Amtsgerichtsdirektor bei seinem letzten Fall vor der Pensionierung und einem späteren Generalstaatsanwalt zu 1,5 Jahren Haft ohne Bewährung vermutlich ohne Pflichtverteidiger verurteilt. Der hat sich extra für den Fall einteilen lassen. Bemerkenswert ist, das der sachbearbeitende Staatsanwalt oder dessen Abteilungsleiter durchgesetzt hat, Berufung zugunsten des Angeklagten einzulegen.

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