Konstruktionsfantasien

Wenn der Blick für die Realität verloren geht

Natürlich eine schreckliche Tat. Mehrere verprügeln eine Frau sehr heftig, sie wird zwischenzeitlich sogar gewürgt, der angebliche Haupttäter sagt dabei noch: „Jetzt machen wir sie tot, sie hat meine Oma beleidigt“:

Dann lässt man die kurz in Ohnmacht gefallene Frau einfach – es ist Winter und kalt – liegen. Glücklicherweise ist sie nicht erheblich verletzt.

Böse, nicht hinzunehmen, streng zu bestrafen. Natürlich!

Aber versuchter Mord? Wegen der Absicht der Verdeckung des Vorangegangenen durch das Liegenlassen in der Kälte? Bei einem Haupttäter, den man nur ansehen muss, um zu erkennen, dass er unter massiven Minderwertigkeitsproblemen leidet und sich mit seinem Spruch nur wichtig machen und dem Opfer Angst einjagen wollte, zumal er gar keine Oma hat?

Man kann die Verfolgungsübertreibung auch auf die Spitze treiben. Dass das eine gefährliche Körperverletzung in mehreren Varianten ist, daran kann kein Zweifel bestehen. Daraus aber ein Tötungsdelikt zu konstruieren, ist mit dem Sachlichkeitsgebot objektivster Behörden des Universums nicht mehr zu vereinbaren.

cropped-img_08061.jpg

Advertisements

Über rawsiebers

Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht, bundesweit tätig, TOP-RECHTSANWALT Deutschland 2014, 2015 + 2016: STRAFRECHT (Focus-Spezial von 2014, 2015 + 2016)
Dieser Beitrag wurde unter Braunschweig, bundesweit, Fachanwalt, Rechtsanwalt, Strafrecht, Verteidiger abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu Konstruktionsfantasien

  1. roflcopter schreibt:

    Na eine Aussetzung ist ggfs. aber auch noch drin.

  2. kj schreibt:

    Wenn man jemanden nur verletzten will, dann lässt man ihn nicht bei Minusgraden liegen, sondern schaut erst mal ob er zu sich kommt oder textet mit dem Handy das da einer liegt.
    Wenn es egal ist, ob er durch die Tat stirbt, lässt man ihn liegen, was oft den bedingten Vorsatz begründet. Je nach Sachlage halte ich ein versuchtes Tötungsdelikt nicht für so abwegig. Verdeckungsabsicht spielt wohl auch, aber bauchmäßig eher eine untergeordnete Rolle, schwierig zu beurteilen, wenn man den Fall nicht kennt.
    Der Fall ist vergleichbar, betrunken einen Radfahrer anzufahren und ihn dann im Straßengraben verrecken lassen. Wäre das Mord?
    Als Staatsanwalt (der ich nicht bin) wäre ich mit allem über 2 Jahre Haft zufrieden, wenn die Täter Reue zeigen und Besserung geloben.

  3. Lobo schreibt:

    Ich sehe hier auch einen bedingten Vorsatz … finde die Anklage „voll ok“ …

  4. RA Ullrich schreibt:

    Die Annahme eines bedingten Tötungsvorsatzes beim Liegenlassen einer verletzten Bewusstlosen in der Kälte halte ich auch durchaus für naheliegend. Natürlich kommt es da auf die Gesamtheit der hier natürlich nicht erschöpfend mitgeteilten Indizien an (Lag sie reglos da oder rührte sie sich vielleicht schon wieder? War es ein einsamer Hinterhof oder eine belebte Straße, wo mit hoher Wahrscheinlichkeit jemand anderes Hilfe holen wird?).
    Zurecht als abwegig bezeichnen Sie jedoch m.E. die Anklage wegen versuchten Verdeckungsmordes durch Unterlassen (statt nur versuchten Totschlages), da beim bloßen Liegen Lassen eines Tatopfers regelmäßig die von § 13 StGB geforderte Gleichwertigkeit einer solchen mehr oder weniger kopflosen Flucht vom Tatort mit einem aktiven Tun (hier also dem aktiven Töten eines Zeugen zwecks Verdeckung einer Straftat) regelmäßig fehlt

  5. oy-oy-oy schreibt:

    Die Ankündigung jemanden zu töten und ihn dann solange zu würgen, bis er sich nicht mehr rührt, ist doch eine ziemlich eindeutige Sache. Dann denjenigen, dessen Tod man wohl schon angenommen hatte, in Eiseskälte liegen zu lassen, um dessen Tod auch ganz sicher zu sein, spricht ebenfalls seine eigene Sprache. Da kann man nur entscheiden, ob es versuchter Mord oder „nur“ versuchter Totschlag war.

    Klar, aus Sicht des Mandanten, der ja ein ganz armes Würstchen mit Komplexen ist, war das gar nicht so schlimm. Dem Opfer ist damit nicht geholfen.

    Sie als Strafverteidiger müssen nun natürlich versuchen die Sache herunterzuspielen und dem „bemitleidenswerten“ Mandanten zu helfen, damit er möglichst wenig Strafe bekommt. Aber man wird es dem Staatsanwalt (und hoffentlich auch dem Richter) nicht verdenken können, wenn er die Sache ganz anders sieht.

  6. Gast schreibt:

    In der Tat, da ist jemandem „der Blick für die Realität verloren gegangen“. Nämlich dem Blogautor.

  7. NVM-Konteradmiral schreibt:

    Es ist geradezu süß, wie unser allerseits geschätzter W. Siebers die Welt nicht mehr versteht, wenn „seine“ Mandanten den ganz alltäglichen Wertungen des Strafrechts ausgesetzt werden.

    Da ist es dann auf einmal „offensichtlich“, dass eine offen verlautbarte Mordabsicht nur eine Scherzerklärung war. Und die Tatsache, dass die Oma des Mandanten nicht mehr lebt, ist ja wohl der eindeutigste Beweis in diese Richtung! Wir alle wissen nämlich: Tote sind nicht beleidigungsfähig!

    Also: Keine lebende Oma – keine Beleidigung – keine Kausalität für einen Mord – kein Mordvorsatz!

    So einfach, so logisch kann Strafrecht sein – fragen Sie einfach Herrn Siebers!

  8. Zwerg schreibt:

    Hinter dem letzten „Oma“ fehlt hoffentlich ein „mehr“. Sonst häten wir wohl ein Wunder… 🙂

  9. kj schreibt:

    Manchmal schreien Taten nach Haft. So wollte ich als Vertreter der Opfer verhindern, das nur eine Bewährungsstrafe ohne zivilrechtlichen Ausgleich (Täter war dazu in der Lage, Verteidiger fühlte sich nicht zuständig) rauskommt und habe eine ausführlich begründete Nebenklage wegen versuchten Mordes ans Landgericht getextet, weit vor der Anklage. Keine Ahnung, ob die Klage vor der Anklage zulässig war, das Zeichen setzten war wichtiger). Die Anklage war dann auch wegen versuchten Mordes. Es gab dann 4 Jahre wegen gefährlicher KV und den zivilrechtlichen Ausgleich (Verteidiger und Anwalt der Nebenkläger kannten sich gut). War ok.
    Hier gibt es bei Strafen des Amtsgericht bis 2 Jahre meist immer Bewährung, weil das der Berufungskammer eine Revision erspart. Da kann man sich als Amtsrichter mit drei Sätzen zur Strafzumessung begnügen.
    Diese Realität will mancher StA den Opfern nicht antun und muss dann schon klotzen, um beim Landgericht eine angemessene Strafe zu erreichen. Die läppische Strafe für den Messerstich an der Tennisspielerin ist so ein Beispiel.

Kommentare sind geschlossen.