Was lange währt wird endlich Freispruch

Gutachterverschleiss in Bielefeld

Überzeugend war er schon, der Gutachter. Erfahren, ausgezeichnete Reputation, das Gericht hatte nicht den geringsten Zweifel an seinem eindeutigen Ergebnis, man nahm ihn immer in den letzten Jahren, wenn es um KFZ-Schäden, Unfallrekonstruktionen etc. ging.

Deshalb wurde der Angeklagte in erster Instanz auch verurteilt.

In der Berufungsinstanz dann ein Gegengutachten der Verteidigung, fast Majestätsbeleidigung des Erstgutachters. Und noch weiterführende Ideen der Verteidigung, wie es auch hätte sein können. Böse!

Gleichwohl ein Obergutachter, der das Gutachten des erstinstanzlichen Gutachters, der über Jahrzehnte immer und zuverlässig die „richtigen“ Ergebnisse geliefert hatte (und wohl leider weiterhin liefert!) zerlegte, widerlegte, ja, atomisierte, aber mit anderen Gründen zu dem Ergebnis kam, dass die Schuld des Angeklagten doch feststehe.

So ganz wohl war diesem Drittgutachter nach weiteren Vorhalten der Verteidigung aber dann doch nicht mehr in seiner Haut und er ließ ein kleines Schlupfloch und meinte, dass jedenfalls eine Alternative denkbar sei, die es zulasse, dass die Einlassung des Angeklagten doch richtig sei.

Dann eine bewundernswert konsequente und ausgesprochen faire Berufungskammer. Gegen den erbitterten Widerstand der Staatsanwaltschaft nach 3 1/2 Jahren:

Wir wissen nicht, wie es zu den Beschädigungen  gekommen ist. Deshalb in Anwendung des Satzes „in dubio pro reo“: Freispruch!

So soll es sein (Ist es aber leider nicht immer).

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Über rawsiebers

Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht, bundesweit tätig, TOP-RECHTSANWALT Deutschland 2014, 2015 + 2016: STRAFRECHT (Focus-Spezial von 2014, 2015 + 2016)
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5 Antworten zu Was lange währt wird endlich Freispruch

  1. Dubiator schreibt:

    Ist es aber in 99% der Fälle. Den Richtern ist meiner Erfahrung nach der Zweifelssatz bekannt.

  2. Scharnold Warzenegger schreibt:

    Was nicht die Frage beantwortet, ob hier ein Schuldiger doch noch davongekommen ist…. Klar, bei Zweifeln ist freizusprechen. Aber wie groß müssen die Zweifel sein? Restzweifel bleiben doch (fast) immer und deswegen müsste man (fast) immer freisprechen. Offenkundig ist das oft nicht der Fall und wäre auch gar nicht sinnvoll. Ohnehin ist ein Zweifel eine sehr subjektive Sache.

  3. kj schreibt:

    Da hat die Verteidigung in der ersten Instanz versagt, dort hätte man bereits die andere Version und die Zweifel anbringen können. Oder wollte der Schuldige erst mal abwarten, ob die erste Instanz nicht doch ein mildes Urteil spricht, das dann akzeptiert wird.
    Überzeugender Gutachter, gute Reputation, keine Einwände des Angeklagten gegen das Gutachten und sonstiges Schweigen. Wie soll der Amtsrichter da noch begründete Zweifel revisionsrechtlich begründen.

  4. rawsiebers schreibt:

    @kj Der Amtsrichter soll die Augen öffnen und sich nicht schlafend zurücklegen, nur weil ein Gutachter schon immer „GENOMMEN“ wird. Und vor dem Amtsgericht soll es ja auch unverteidigte Angeklagte geben. Obwohl ich in der Tat meine, dass IMMER ein Fall der notwendigen Verteidigung vorliegt, wenn ein Gutachten einzuholen ist. Denn das wird nur eingeholt, wenn die Sachkunde des Gerichtes nicht reicht. Und wenn die nicht reicht, muss die des Angeklagten natürlich auch nicht reichen, sich kritisch mit solch einem Gutachten auseinanderzusetzen.

    @Warzenegger Nennt sich übrigens Rechtsstaat, der vorschreibt, dass bei Zweifeln IMMER freizusprechen ist. Wer das anders sieht, ist politischer Brandstifter. Hatten wir bei den Nazis und in der DDR, wenn Sie das wieder wollen, empfehle ich eine Auswanderung z.B. nach Nordkorea.

  5. Scharnold Warzenegger schreibt:

    @rawsiebers: Ich wollte nur hinterfragen, wann ein Zweifel ein berechtigter Zweifel ist. Es gibt ja genügend Fälle, wo Leute verurteilt werden, obwohl der Sachverhalt durchaus nicht ganz aufgeklärt ist. Wann also ist der Zweifel groß genug, um freizusprechen? Oder andersrum: wie klein muß er sein, damit eine Verurteilung erfolgen kann? Das dürfte in den meisten Fällen „frei Schnauze“ des Richters und damit Willkür sein. Sie nennen es Rechtsstaat.

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