Zahn gezogen

Wie man es dreht und wendet

Der gute Mann hatte eine zeitlich eingeschränkte Monatsfahrkarte, er durfte die öffentlichen Verkehrsmittel damit erst ab 09.00 Uhr nutzen. Kontrolliert in der Straßenbahn wurde er um 08.47 Uhr und behauptete, er habe den Straßenbahnfahrer extra gefragt, ob er „die paar Minuten“ früher auf diese Karte mitfahren dürfe.

Das bestritt der Straßenbahnfahrer energisch und schon saß der Unschuldige vor dem Strafrichter. Der klärte den aus seiner Sicht bis dahin völlig „unschuldigen“ Fahrgast dann auf, dass man sich ja wohl aussuchen könne, ob Erschleichen von Leistungen oder Anstiftung zur Untreue in Frage komme.

Als der Fahrgast das hörte und auch noch das Damoklesschwert der Beleidigung des Busfahrers, Vortäuschen einer Straftat und was sonst noch so im StGB verankert ist über sich sah, räumte er ein, jedenfalls gewusst zu haben, dass das alles irgendwie nicht in Ordnung war. Diese Erkenntnis half dann zu einer Einstellung gegen eine moderate Geldauflage.

Trotzdem, mit der Auflage und dem erhöhten Fahrtentgelt hätte er die Strecke drei Wochen mit der Taxe fahren können.

Scharfe Bürozähne

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Über rawsiebers

Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht, bundesweit tätig, TOP-RECHTSANWALT Deutschland 2014, 2015 + 2016: STRAFRECHT (Focus-Spezial von 2014, 2015 + 2016)
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9 Antworten zu Zahn gezogen

  1. kj schreibt:

    Ist Deutschland nicht wirklich liebenswert? Ein Straßenbahnfahrer riskiert Verfolgung wegen Untreue und seinen Job, wenn er mal ausnahmsweise einen Fahrgast umsonst mitnimmt,

  2. TOM schreibt:

    Ein gemeiner Mietnomade bleibt straffrei, wenn er zumindest Anfangs mal eine Monatsmiete bezahlt und kann danach monatelang schmarotzen und einen Schaden von mehr als 10.000 Euro anrichten ohne von der Staatsanwaltschaft oder Polizei auch nur mit einer Vorladung belästigt zu werden.

    Der beharrliche Fahrkartennichtöser wird dagegen schon wegen Kleinbeträgen von vielleicht 50 Euro verurteilt.

    Ist es eine sinnvolle Aufgabe der Staatsanwaltschaft, sich um eigentlich zivilrechtliche Kleinstforderungen strafrechtlich zu kümmern und die Justizvollzuganstalten mit diesen Leuten zu befüllen und dabei enorme Kosten zu verursachen?
    http://www.tagesspiegel.de/berlin/strafen-jeder-dritte-in-ploetzensee-sitzt-wegen-schwarzfahrens/1396434.html

    Was sind die Beweggründe des Gesetzgebers, dagegen einen Mietnomaden, der schon ein halbes Dutzend Vermieter um insgesamt 50.000 Euro geprellt hat, dagegen strafrechtlich unbehelligt zu lassen?

    • ARL schreibt:

      Wie kommen Sie darauf, dass der Mietnomade unbeelligt bleibt? Der begeht Betrug in der Variante des Eingehungsbetruges und wird regelmässig verfolgt (wenn RTL 2 gerade nicht hinschaut).

      • TOM schreibt:

        Wenn der Mietnomade anfangs einen oder zwei Monate noch zahlt, wird er sicher nicht wegen Eingehungsbetrugs verurteilt.

  3. Falbala146 schreibt:

    Jemand der es schafft wegen Schwarzfahrerei ins Gefängnis zu kommen, der ist ganz sicher nicht nur einmal erwischt worden… und auch nicht nur zweimal und vermutlich auch nicht nur dreimal. Und wer einmal erwischt wurde, ist meist nicht nur einmal schwarz gefahren, und oft auch nicht nur zweimal und manchmal auch nicht nur dreimal… genau betrachtet geht es da nicht nur um Kleinbeträge von 50 €, sondern darum, dass jemand für erheblich mehr als nur 50 € schwarzgefahren ist und vor allem so beharrlich und/oder so dumm ist, dass er immer weiter schwarz fährt, obwohl er schon mehrfach erwischt wurde.

  4. tom engel schreibt:

    was MICH ärgert: der mann ist nicht „schwarzgefahren“ hat KEINEN schaden verursacht. hatte eine (bezahlte) fahrkarte. ist „nur“ ein paar minuten zu früh gefahren… hätte in diesem fall nicht eine verwarnung ausgereicht? (lustig in diesem zusammenhang die aufgeregten beiträge von mitbürgern, die mit immobilien andere ausbeuten und sich aufregen wenn SIE ausgebeutet werden. –> gerechtigkeit !!! )

    • veri schreibt:

      Unsinn. Er hatte eben keine bezahlte Fahrkarte für diesen Zeitrahmen. Die Fahrkarten, die man ab 9 Uhr benutzen kann, sind nämlich deutlich billiger als „normale“ Fahrkarten. Dies hat auch einen sehr guten Grund: Ab ca. 9 Uhr ist der Berufsverkehr vorbei. Um dennoch ein paar Leute in die öffentlichen Verkehrsmittel zu locken, wird der Preis stark reduziert. Schließlich kann man gerade bei öffentlichen Verkehrsmitteln nicht sehr schnell Kapazitäten abbauen: Die Fahrer haben sicherlich keine Lust jeden Tag nur von 6 bis 9 zu fahren.

  5. kj schreibt:

    der Mietnomade belastet nicht im Saldo weniger Steuersäckel, daher war Gesetzgeber zu träge, da was zu regeln. Es wäre ja einfach zu verlangen, das der Mieter im Mietrechtsstreit die laufenden Miete hinterlegt und nicht vertrinkt. Außerdem gibt es eine starke Mieterlobby im Land.
    Immerhin soll es aber neues Mietgesetz bald (oder schon?) geben, der eine Räumung erleichtert.
    Früher waren auch Sozialhilfeempfänger willkommende Mieter, wenn das Amt direkt die Miete an den Vermieter zahlte. Heute kürzt die Arbeitsagentur die Miete, wenn die Kunden sich nicht genug bewerben oder weil sie den Krankschreibungen der Ärzte misstrauen. So wird ungern an arme vermietet und der Staat schafft wegen ein paar Cent Obdachlosigkeit.
    Und die werden dann eingesperrt, weil sie mal schwarz fahren.

    • tom engel schreibt:

      leiden sie an realitätsverlust? hier geht es NICHT um mietnomaden…(abgesehen davon: je mehr kapitalismus,desto mehr (miet)nomaden. versteht das keiner? )

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