Wie das Leben so spielt – der schöne falsche Vorhalt

In der ersten Zeugenvernehmung bekundet der (einzige Belastungs-)Zeuge Benni Baff, er habe vor dem Aussteigen aus seinem Fahrzeug das Licht ausgeschaltet. Auf Nachfrage des Kriminalbeamten Frank Furt bestätigt er erneut ausdrücklich, er sei sicher, dass er das Licht ausgeschaltet habe.

Monate später begeht derselbe Kriminalbeamte Frank Furt dann einen gravierenden Fehler, über den ich als Verteidiger normalerweise heftig gewettert hätte. Vor der nächsten Vernehmung von Benni Baff liest er sich nämlich dessen erste Vernehmung nicht richtig oder gar nicht durch und macht in dieser zweiten Vernehmung den eindeutig falschen Vorhalt:

„Benni, in Ihrer ersten Vernehmung haben Sie bekundet, dass Sie das Licht am Auto vor dem Aussteigen nicht ausgeschaltet haben. Wie kam es dazu?“

Antwort Baff:

„Ja, das stimmt, ich hatte es nämlich so eilig, deshalb habe ich tatsächlich vergessen, das Licht auszuschalten, aber das habe ich Ihnen ja schon damals gesagt. Und als es dann gepiepst hat beim Türöffnen, war es mir dann auch egal.“

Kriminalist Frank F. fällt dieser Klops dann erst später auf und holt sich Benni Baff nun zu einer dritten Vernehmung.

„Benni, ich halte Ihnen mal vor, dass Sie in Ihrer ersten Vernehmung gesagt haben, Sie hätten das Licht an dem Fahrzeug ausgeschaltet, in Ihrer zweiten Vernehmung haben Sie genau das Gegenteil erzählt, erklären Sie bitte den Widerspruch!“

Antwort Baff:

„Das kann ich jetzt nicht. Heute weiss ich nicht mehr, ob es nun aus oder an war.“

Falsche Vorhalte sind tagtägliches Geschäft, auch im Gerichtssaal, insbesondere von Sitzungsvertretern der Staatsanwaltschaft immer gern genommen. Aber dass sich ein Ermittler „seinen“ einzigen Belastungszeugen selbst zerschiesst, ist schon ein (angenehmes) Highlight.

Der Verteidiger sollte sowohl beim Aktenstudium als auch in der Hauptverhandlung immer peinlich genau darauf achten, falsche Vorhalte zu rügen und eigene Vorhalte immer auf ihre Richtigkeit prüfen. Wenn er aus der Akte Vorhalte macht, gleich dazu sagen: Ich halte vor Blatt XY, Absatz YZ aus Band ZXY, damit man sich selbst nicht der Rüge des falschen Vorhaltes aussetzt.

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Über rawsiebers

Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht, bundesweit tätig, TOP-RECHTSANWALT Deutschland 2014, 2015 + 2016: STRAFRECHT (Focus-Spezial von 2014, 2015 + 2016)
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3 Antworten zu Wie das Leben so spielt – der schöne falsche Vorhalt

  1. kj schreibt:

    Sie gehen immer von der falschen Prämisse aus, die Polizei und Justiz habe ein Verurteilungsinteresse Unschuldiger.
    Die Polizei muss zweifelhaften Anzeigen, die oft auch von Anwälten kommen, von Amts wegen nachgehen und zerschießt auch durchaus absichtlich sehr gerne Belastungszeugen, wenn das Bauchgefühl sagt, das an der Sache nix dran oder bagatellhaft ist oder nix draus wird.
    Ob das hier der Fall ist, kann natürlich schlecht eingeschätzt werden.
    Es gibt manchmal Verteidiger, die aus Eitelkeit eine solche Belastungsaussage noch durch Fragerei retten, nachdem zuvor das Gericht oder der Staatsanwalt den Belastungszeugen derart zerpflückt haben.

  2. rawsiebers schreibt:

    Stimmt, das versuche ich in meinen Fortbildungen auch zu vermitteln: NIE auch nur eine Frage mehr stellen, als notwendig. Lieber dem Mandanten vorher und/oder nachher erklären, warum man keine Fragen gestellt hat.

    Und dass zumindest bei nicht wenigen Polizeibeamten und manchen Staatsanwälten ein ungesundes Verfolgungsinteresse vorliegt, mag eine Einbildung von mir sein, ich stehe aber dazu.

  3. Miraculix schreibt:

    @rawsiebers
    Ich bin sicher, daß es keine Einbildung ist.

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