Auch so etwas kommt vor

Der Vorwurf ist heftig, mehrfacher sexueller Missbrauch eines Kindes mit Vergewaltigungen über Jahre. Das vorläufige Glaubhaftigkeitsgutachten ziemlich eindeutig gegen den Angeklagten sprechend, der Vorsitzende der Kammer des Landgerichts eröffnet die Sitzung mit angemessenen aber durchaus drastischen Worten, was dem Angeklagten drohen könnte, wenn da etwas gewesen wäre und weist darauf hin, dass zu diesem Zeitpunkt ein Geständnis -wenn es denn eins abzulegen gäbe- erheblich strafmildernd wirken könnte.

Der Angeklagte schweigt, ich weise vorsichtshalber nochmals ausdrücklich -insbesondere für die Schöffen- darauf hin, dass das Schweigen nicht zu bedeuten hat, dass da etwas gewesen ist.

Dann wird das Opfer vernommen, sachlich, intensiv, tiefgehend. Es gibt Widersprüche und Fragezeichen, ein weites Feld scheint sich zu öffnen.

Und dann die Überraschung. Bevor die weiteren Verhandlungstage und das procedere besprochen werden können, teilt die Sitzungsvertreterin der Staatsanwaltschaft mit, dass aus ihrer Sicht keine Zeugen mehr vernommen werden müssten. In einer kurzen Pause habe ihr die Sachverständige schlüssig dargelegt, dass das Ergebnis des Gutachtens nach der Vernehmung der Zeugin anders ausfallen werde, dass Suggestion, insbesondere Autosuggestion nicht auszuschließen sei und deshalb die Glaubhaftigkeit der Angaben der Zeugin nicht mehr sicher festgestellt werden könnten.

Das wird von der Sachverständigen bestätigt und kurz nachvollziehbar begründet. Ausgesprochen fair und offen von der Staatsanwältin und der Gutachterin.

Die Kammer wird sich nun das ausführliche Gutachten anhören und dann entscheiden, ob die Beweisaufnahme abgekürzt wird. Nicht nur der Angeklagte ist gespannt, wie es weiter gehen wird.

Wer schreibt, der bleibt

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Über rawsiebers

Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht, bundesweit tätig, TOP-RECHTSANWALT Deutschland 2014, 2015 + 2016: STRAFRECHT (Focus-Spezial von 2014, 2015 + 2016)
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7 Antworten zu Auch so etwas kommt vor

  1. EinRA schreibt:

    Schade, dass es selten Gutachter gibt, die diesen Schritt gehen, schade, dass es selten Staatsanwälte gibt, die so fair mit einem Zwischenergebnis umgehen, schade, dass es selten Gerichte gibt, die solche Zwischenergebnisse nicht gleich vom Tisch wischen.

    • Ralf schreibt:

      Das ist genau der Grund, warum man diesen Artikel und dessen Inhalt, insbesondere die Formulierung der Suggestion, von Anwälten vor Gericht benutzt werden sollte. Man könnte einen Richter als befangen erklären, wenn er solche Argumente vom Tisch wischt..

  2. Klaus Petersen schreibt:

    Als Laie dachte ich mir nach dem Durchlesen: statt Schweigen wäre ein kurzes Statement, dass man es nicht getan hat und dann zu schweigen, vielleicht sinnvoll. Und in der Entwicklung auch ziemlich glaubwürdig.

    Losgelöst vom Fall, ist so was sinnvoll?

  3. kj schreibt:

    Was ist denn erheblich strafmindernd? Die Hälfte, ein Drittel? Ich hätte da rein informatorisch nachgefragt.

    Schweigen wird psychologisch als Schuldeingeständnis gewertet, da ein zu Unrecht Angegriffener sich normalerweise aggressiv wehrt. Gutachten werden oft nicht nach den Inhalt bewertet, sondern man glaubt einer Autorität, weil man sich dieser unterlegen fühlt und die Autorität Sicherheit suggeriert. Für ein Richterlein und Staatsanwalt bedeutet das sich erst mal von diesen Automatismen frei zu machen, was vielleicht nicht immer einfach ist.

    Am Glaubhaftesten ist ein Angeklagter, der eine eigene Geschichte bringt und sich einlässt.
    Die Gefahr dabei ist, das die eigene Aussage Widersprüche enthalten könnte und diese im Sinne der Anklage uminterpretiert wird. Die menschliche Wahrnehmung enthält Wertungen und Schlüsse und unterliegt Fehlern. Solche Fehler werden oft zum Anlass genommen, die Geschichte als unglaubwürdig abzutun.

    Vergewaltigung über mehrere Jahre. Ohne das der Umgebung massive Störungen des Kindes aufgefallen sind und nichts früher unternommen wurde. Klingt komisch.

  4. Wabbelduck schreibt:

    Wenn er es nicht war: prima. Unglücklicherweise fehlt mir der Glaube. Das war ja nicht einmalig, sondern über Jahre hinweg. Das dürfte sich kaum jemand ausdenken. Und wenn er es war: Sack ab und für alle Zeiten wegsperren.

  5. RA Werner Siebers schreibt:

    @Petersen Nein, das ist nicht sinnvoll, weil das dann eine so genannte Teileinlassung sein dürfte, und dann kann aus weiteren Schweigen negativer Schluss gezogen werden.

  6. RA Werner Siebers schreibt:

    @Wabbelduck Ja, und dann allen, die so Sack-Ab-Theorien vertreten kurz Birne weg, ist ja nicht viel drin.

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